Warum ich den Begriff “Bildung 4.0” für Unsinn halte.
Und diverse andere “x.0”-Bezeichnungen ebenfalls …

Tranquilpeak

Das Buzzword-Problem

Eine Google-Suche nach “Bildung 4.0” liefert ca. 60.000 Treffer. Ich bezweifle, dass sich die Mehrheit derjenigen, die diesen Begriff verwenden, Gedanken über die Bedeutung gemacht haben. Buzzwords sind ja ein zweischneidiges Schwert. Gute formuliert greifen sie aktuelle Strömungen und Entwicklungen auf und erlauben eine prägnante Bezeichnung. Oft aber fallen sie in die Kategorie “Bullshit Bingo”. Dazu gehört auch die derzeit grassierende “Versionitis”.

Der Ursprung von “WasAuchImmer N.0” liegt im zu Beginn des Jahrtausends geprägten Begriff vom “Web 2.0” als Weitrentwicklung des World Wide Webs hin zu einer Integrationsplattform für die Geschäftswelt und die zunehmende partizipatorische Nutzung durch Blogs, erste soziale Anwendungen, Wikis, Blogs und Podcasts (mehr hier). Allerdings wurde bereits hier Kritik an der Sinnhaftigkeit dieser Bezeichnung laut, nicht zuletzt von Tim Berners-Lee selbst, dem Erfinder des WWW (”I think Web 2.0 is of course a piece of jargon, nobody even knows what it means”, mehr dazu in diesem Transkript). Allerdings zeigt sich hier die oben genannte Traktion eines passenden Schlagworts, so dass dieses ursprünglich aus der Softwareenticklungswelt stammende Konzept auf viele andere Bereich übertragen wurde. Von “Enterprise 2.0”, “Bibliothek 2.0” über “Lernen 2.0” bis hin zu kulturellen Referenzen wie Eltern/Kind-Shirts mit "V1.0" und "V2.0" (z.B. hier) und der “Beziehung 2.0” …

Interessanterweise hat sich dieses Konzept für das Web sehr schnell totgelaufen, der kurzzeitig aktuelle Begriff eines “Web 3.0” fasste nie richtig Fuß, da hier bereits der Begriff “Social Media” weit größere Verbreitung gefunden hatte und bis heute genutzt wird, um die Interaktivität und leichte Erstellung von Inhalten des Web zu betonen.

Revolutionen zählen

Es dauerte nicht lange und dieses Begriffskonezpt wurde auf Bereiche angewandt, in denen durch die technologische Entwicklung bedingte disruptive Umwälzungen auszumachen waren. Das klassische Beispiel ist das von “Industrie 4.0”:

  • Industrie 1.0 – Dampfkraft, Beginn der Massenfertigung, industrielle Revolution
  • Industrie 2.0 – Fließbandfertigung, Taylorismus, Elektrizität
  • Industrue 3.0 – Automatisierung, Telekommunikation, Computer
  • Industrie 4.0 – Individualisierte Fertigung (BTO/JIT), Digitalisierung, Big Data

Abgesehen davon, dass ich eher prinzipielle Bedenken dagegen habe, in immer kürzeren Abständen auftretende Umwälzungen als “Revolution Nummer X” zu bezeichnen (die 7. oder 8. “Revolution” führt den Begriff dann irgendwann ad absurdum), hatten unsere Vorfahren keinen Masterplan á la “Jetzt machen wir in 20 Jahren dann mal die Industrie 2.0”. Es ist einfach ein Marketing-Buzzword. Immerhin, das kann man obiger Aufzählung zu Gute halten, ist hier ein Aufeinanderfolgen von Entwicklungsschritten zu sehen.

Und die Bildung?

Was spricht denn nun gegen “Bildung 4.0”? Wenn es eine Industrie 4.0 gibt, dann muss es doch auf eine Bildung 4.0 und eine Arbeitswelt 4.0 geben, oder nicht? Nein, ich glaube nicht. Denn die next version impliziert und fordert eine Weiterentwicklung, ein neues Qualitätsniveau, etwas disruptives. Nichts davon ist aktuell in der deutschen Schullandschaft zu sehen. Nein, aktuell läuft an den meisten Schulen als Betriebssystem noch “Bildung 1.0”, allenfalls das Upgrade “Bildung 1.2 Service Pack 2” :-)

Wie es Andreas Schleicher, PISA-Koordniator im Interview mit dem SPIEGEL bereits vor 10 Jahren (!) formulierte: “Wenn wir die Kinder des 21. Jahrhunderts von Lehrern mit einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem unterrichten lassen, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde und sich seitdem nur graduell verändert hat, dann kann das so nicht funktionieren.

Daher sollten wir auch terminologisch ehrlich bleiben und wenn es denn eine Versionierung sein muss, erst einmal die “Bildung 2.0” anpeilen. Zudem denkt eine nummerisch ansteigende Versionsnummer linear, extraploierend, graduell verbessernd. Das reicht in der technologischen Gesellschaft unserer Zeit aber nicht mehr aus. Es würde auch niemand einen Tesla als “Benziner 2.0” bezeichnen, eben weil ein hochmodernes Elektrofahrzeug mit der Fähigkeit zum autonomen Fahren kein Automobil mit Verbrennungsmotor mehr ist. Ebenso reicht es nicht aus, den Fächerkanon und das Schulsystem des ausgehenden 19. Jahrhunderts einfach weiter zu treiben. Die Anforderungen der Zukunft sind eben nicht “Bildung X.0”, sondern eine völlig neue Form der Bildung. Ziel sollte es daher sein, den Übergang möglichst optimal zu gestalten und die Lebens- und spätere Berufswelt unserer Kinder zu gut wie möglich zu integrieren. ABC-Schützen, die diesen Herbst mit der Schule begonnen haben, beginnen zwischen 2028 und 2034 ihr Arbeitsleben. Ein Großteil wird Tätigkeiten ausüben, die heute noch gar nicht existieren.


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