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15 teure Flüssigkeiten

18. Februar 2010 Arminius 2 Kommentare

Die Frage nach wertvollen Flüssigkeiten taucht immer wieder mal auf. Ich bin neulich beim Lesen hier über das Original zu dieser Grafik gestolpert. Dieser Artikel wird an allen möglichen Stellen im Web seit Jahren immer wieder gezeigt (meist ohne Gizmodo bzw. deren Leser Shaun als Quelle anzugeben). Da diese Aufstellung mittlerweile über drei Jahre alt ist und auch keine deutsche Version auftauchte, habe ich diesen Abend damit verbracht, eine deutsche Version mit aktualisierten Preisen und ein paar Flüssigkeiten mehr zu erstellen (ein Klick auf die Grafik zeigt die größere Version). Viel Spaß beim Studieren dieser überarbeiteten und erweiterten Version und nochmals Danke an Shaun und Mark Wilson von Gizmodo für die Idee und die erste Grafik.

Preise für Flüssigkeiten

Hier die Daten nochmal als Tabelle (jeweils die “gebräuchliste” Größe und ein Durchschnittspreis)

Flüssigkeit Menge in ml Preis in € Preis pro Liter
Mineralwasser 1000 0,30 € 0,30 €
Rohöl (Brent) 159000 56,40 € 0,35 €
Superbenzin 1000 1,35 € 1,35 €
Argan-Öl BIO 100 10,00 € 100,00 €
Insulin (1ml Spritzen) 100 25,00 € 250,00 €
Blutkonserve 500 125,00 € 250,00 €
Schnupfen-Nasenspray 10 3,50 € 350,00 €
Ardbeg Lord of the Isles 700 300,00 € 428,57 €
Chanel No.5 Eau de Toilette 100 80,00 € 800,00 €
Tinte Canon CLI-8BK 13 13,30 € 1.023,08 €
Habit Rouge (Eau de Toilette) 50 54,00 € 1.080,00 €
Oxytocin-Spray 30 37,50 € 1.250,00 €
Tinte HP CB319EE magenta 3 9,95 € 3.316,67 €
Rosenöl (rosa damascena, BIO) 10 160,00 € 16.000,00 €
Chanel No.5 Parfum 7,5 122,00 € 16.266,67 €

Noch einige Anmerkungen zu den Daten und der durchaus subjektiven Auswahl der Flüssigkeiten:

  • Ja, ich bin mir bewusst, dass ein Barrel nicht genau 159 Liter sind. Dieser Rundungsfehler kann hier vernachlässigt werden, denke ich.
  • Es gibt billigere Rohölsorten, aber auch teurere. Brent wird aber meistens als “Standard” genutzt.
  • Die Blutprodukte unterscheiden sich teils deutlich nach Blutgruppen (0 neg ist der Renner) bzw. Zusammensetzung (Serum, Plasma, Vollblut, etc.)
  • Der Ardbeg ist ein 25-jähriger Single Malt, der entsprechend gesucht ist (ich hab’ eine Flasche <g>).
  • Das Oxytocin-Spray war ein Zufallsfund imWeb (wer daran glaubt, dass das als Spray wirkt … )
  • Was mich erstaunt, ist die Tatsache, dass mein Eau de Toilette mehr kostet als meine Druckertinte ;-)
  • Der Unterschied zwischen EdT und Parfum ist immer wieder ein Erlebnis. Ein Rat an alle Männer: ein guter Kompromiss ist das Eau de Parfum und dafür der kleinere Flakon. Eure Frauen haben mehr davon.
  • Diverse Schlangen- und Spinnenfarmen verkaufen Seren und Gifte, welche den Maßstab des Diagramms deutlich gesprengt hätten: das Serum der Grünen Mamba zum Beispiel pro Gramm (!) im Schnitt 750€, das macht eine dreiviertel Million Euro für das Kilo (das Zeug wird üblicherweise nicht flüssig verkauft)!
  • Ja, einzelne Medikamente und Chemikalien sind noch teurer, aber ich wollte hier Flüssigkeiten aufführen, zu denen man in der normalen Lebenswelt eher einen Bezug hat (Sorry, alle Chemiker und Mediziner).

Bleibt noch die abschließende Frage: sollte ich bei meinem Farbdrucker jetzt Blut und Rohöl statt Rot und Schwarz verwenden? ;-) Ich denke, ich werde erst einmal nachsehen, wie viel von dem Rosenöl noch da ist …

Dem Winter entfliehen

15. Februar 2010 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Lavendel im SchneeNachdem dieser Winter den Namen wirklich verdient und auch meine Kräuter ziemlich eingeschneit sind (siehe Bild, alles andere ragt schon gar nicht mehr aus dem Schnee), hier ein kleiner Tipp für alle, die sich gerne in sommerliche Gefilde wünschen – eine Flasche Anarkos von der Accademia dei Racemi. Nicht nur, dass die Weine durchweg gut sind, die Erzeugergemeinschaft setzt sich auch bewusst vom Massenbetrieb ab.

Eine Flasche dieses apulischen Weines hilft mir gerade bei der Beschäftigung mit dem Thema “stochastische Resonanz“.  Als Funkamateur bin ich an der Sonne und ihrer Aktivität vielleicht eher interessiert als der Duchschnittsmensch, das Phänomen der stoachstischen Resonanz beschränkt sich aber nicht nur auf Daansgard-Oeschger-Ereignisse. Warum ich das alles schreibe? Weil ich zum Valentinstag von meinen Mädels Schätzings Buch “Nachrichten aus einem unbekannten Universum: Eine Zeitreise durch die Meere” bekommen habe. Lesenswert. Aus drei Gründen: erstens, weil es zeigt, wie ein erfolgreicher Autor “Resteverwertung” betreibt; zweitens, weil es ein im Plauderton an der Hotelbar gehaltener Abriss des aktuellen Standes so ziemlich der gesamten Meeresforschungsthemen ist und drittens ist es ein schönes Beispiel, wo der Grenzwert des “Ich bring’ mal einen Kalauer” in einem Sachbuch liegt — eine Stufe unter dem, was Herr Schätzing da schreibt. Ich bin ja auch ein Freund eines eher lockeren Schreibstils, aber man kann es auch übertrieben. Abgesehen davon ist das Buch jedem zu empfehlen, der schon einmal America’s “Horse without a name” gehört hat: “the ocean is a desert with its life underground and the perfect disguise all above“.

Zahlworte: Einundzwanzig oder Zwanzigeins?

11. Februar 2010 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Jetzt, wo meine Tochter mit etwas über vier Jahren bei Ihren Ausflügen ins Zahlenland auch mal die Tiefebene der einstelligen Zahlen verlässt und das zweistellige Waldland erkundet, wird mir bewusst, dass unsere Zahlwörter (Numeralia) nicht unbedingt logisch zu nennen sind.
Zahlenwürfel
Wir Deutschen sind da nicht allein, auch andere europäische Sprachen haben da den einen oder anderen glitch in der Logik. Als wir uns in der Schule für  Latein oder Französisch entscheiden konnten, war jeweils eine Stunde “Probehören” dabei. Als ich dann das erste Mal quatre-vingt-dix-neuf (franz. 99, wörtlich vier zwanzig zehn neun) hörte, dachte ich mir “Naja, Mathe habe ich schon und ich wollte eigentlich eine Sprache lernen, also nehmen wir Latein” ;-) Aber zurück zum Thema …

So steht Deutsch mit der Invertierung von Zahlen zwischen 21 und 99 relativ allein. Logisch ist “fünfundvierzig” eigentlich nicht, vollends krumm wird es bei Zahlen wie 23456, bei denen die Ziffern in der Reihenfolge 2.1.3.6.5 gesprochen werden. Da haben es Italiener mit “quarantacinque” oder Engländer mit “forty-five” auf den ersten Blick leichter. Daraus nun aus Gründen des Erfolgs in einer zunehmend beschleunigten Welt wie der Verein Zwanzig-Eins nun gleich eine von oben verordnete Reform der Sprache zu fordern (hatten wir da nicht erst eine gloriose Bauchlandung), ist meiner Meinung nach etwas übertrieben, obwohl die Argumente für konsistente Zahlwörter durchaus sinnvoll sind. Es sollte aber auch der kulturelle und sprachhistorische Kontext beachtet werden. So sind auch im Englischen und Italienischen die “kleinen” Zahlen (meistens bis zwischen 15 und 20) ebenfalls invertiert (erst ab 17 invertiert das Italienische nicht mehr). Über das Französische habe ich ja bereits weiter oben gelästert (was mir mit einem Wortschatz von einem Dutzend Worten eigentlich gar nicht zusteht). Diese kleinen Zahlen bilden aber den überwiegenden Teil der täglichen Sprachwelt (es sei denn, Sie sind Investmentbanker, dann können Sie sich nach der Finanzkrise sowieso ohne Nachfragen auf Dyskalkulie heraus reden).

Unsere “arabischen” Ziffern (welche arabische Gelehrte dankenswerweise aus Indien zu uns exportiert haben) werden im Arabischen von rechts nach links geschrieben, hier ist ein “chamsa-arbain” (fünf-vierzig) also völlig normal, allerdings folgen da die Stellenwerte auch konsistent aufsteigend der Schreibrichtung. Aus solchen kulturellen Unterschieden, die Mutterprachler in den allermeisten Fällen völlig unbewusst korrekt verwenden nun gleich auf eine signifikante Benachteiligung von Kindern beim Lernen zu schließen, wie es Prof. Gerritzen tut, heißt meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus zu schießen. Immerhin lassen sich mit solchen Thesen Religionskriege entfachen, gegen die die Auseinandersetzungen wie “Windows gegen Linux” oder die Platzierung von geschweiften Klammern bei C++ wie ein Kindergeburtstag aussehen ;-)

Offenbar hat der Mensch an sich etwas gegen Veränderungen dieser Art. Was viel wichtiger ist und bei dieser ganzen Geschichte übersehen wird, ist die Tatsache, dass Kindern ein Verständnis und ein Gefühl für Zahlen vermittelt werden sollte, welches ihnen erlaubt, “zweiundvierzig” zu sagen, aber 4 x 10 + 2 zu denken. Die Kenntnis mehr als eines Stellenwertsystems (ja, ich weiß, als IT’ler muss jetzt die Basis 16 kommen) bringt hier die Erkenntnis, dass Zahlen und Ziffern Symbole sind und 49 nicht immer 4 x 10 + 9 bedeuten muss. Dazu ein Gespür für Mengen und Größen (wer kann auf Anhieb verdeutlichen, wie viel ein Gigabyte Text ist, was bedeutet 34 Milliarden?) und für verschiedene Bezeichnungen (million, billion, milliard, Milliarde), so etwas wäre sinnvoll.

Der Schlüssel hierzu liegt — und da wäre anzusetzen, bevor versucht wird, Sprache zu verbiegen — in engagierten jungen Pädagogen mit didaktischem Talent, die es verstehen, Begeisterung zu wecken für Zahlen und Mathematik. Darüber würde ich gerne lesen, wie Universitäten versuchen, sich hierin zu übertreffen. Denn wie ein altes Sprichwort sagt: “Kinder sind keine Fässer, die gefüllt werden, sondern Feuer, die entfacht werden wollen”.

Schwarze Schwäne – Lesefutter fürs neue Jahr

3. Januar 2010 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Es ist schon faszinierend, wieder einmal vor Augen geführt zu bekommen, wie weit meine “Muss ich unbedingt mal lesen” – Liste mittlerweile ist. Ich hatte mit vor ungefähr fünf Jahren das Buch “Fooled by Randomness” bestellt und das Buch dann aus irgendeinem Grund nicht bekommen. Jetzt bin ich bei einer Recherche wieder auf den Autor, Nassim Nicholas Taleb, gestoßen. Der Mann hat mittlerweile einen Rockstar-Status, nicht ganz zu unrecht. Wenn Bücher bzw. ihre Autoren beinahe oder Zwischentöne entweder auf den Olymp gehoben oder in tiefste Tiefen verrissen werden, dann klingt das für mich nach einer interessanten Lektüre. Oder wie Dr. Werner Fuchs in seiner Amazon-Rezension schreibt: “Denn dies deutet meist darauf hin, dass es sich um Angriffe auf Glaubensmodelle handelt, deren Infragestellung Verhaltensmuster ebenso erschüttern wie Institutionen und Bildungsstätten. Entsprechend harsch reagieren denn auch viele Leser.” Dem kann ich nur beipflichten.

Wem der Name Nassim Taleb gar nichts sagt, kann entweder die Wikipedia befragen (sorry für den englischen Link, aber der deutsche Artikel ist nur ein müder Abklatsch) oder sich erst einmal mit der “Theorie des schwarzen Schwans” (hier auch mit Video) beschäftigen. Alternativ gibt es noch ein etwa zehnminütiges Video im Gespräch mit Arianna Huffington. Auch wenn seine derzeitige Beweihräucherung etwas stark ausfällt, vertritt er dennoch eine äußerst interessante Position, der ich in Sachen Finanzpolitik nur zustimmen kann. Nicht zuletzt sind seine “Zehn Grundsätze für eine Scharzer-Schwan-tolerante Welt” in entsprechender Form durchaus auch in der IT-Welt bekannt (oder sollten es zumindest sein). Um den Kreis zum Anfang zu schließen: dieses Jahr steht N.N. Taleb ziemlich weit oben auf meiner Liste … ;-)

Die zehn ultimativen Posteingangs-Tipps (und ein Bonus-Tipp)

2. Dezember 2009 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Jetzt kommt wieder die “staade Zeit”, wie es hier im tiefen Süden heißt. Wobei für viele von uns die Hektik in den letzten Wochen des Jahres eher noch zunimmt. Daher als kleine Hilfe neben dem stimmungsvollen Bildchen unten die ultimative Liste mit “Wie überstehe ich die Jahresend-Mailwelle?” – Tipps. Diese folgenden Tipps habe ich über die letzten Jahre im Gespräch mit Kunden, Kollegen oder im Netz gefunden. Bestimmt ist auch für Sie ein Ansatz dabei. Auf geht’s, entrümpeln Sie Ihre Mailbox!

Advent

  1. “Quadranten”: öffnen Sie Ihren Posteingang und bearbeiten Sie nacheinander die älteste, die jüngste, die kleinste und die größte Nachricht. Hören Sie nicht auf, bis Sie nicht alle entweder gelöscht, an jemanden delegiert oder beantwortet haben.
  2. “Racetrack”: Stellen Sie sich eine Stoppuhr auf zehn Minuten. Dann löschen bzw. archivieren Sie in dieser Zeit so viele Nachrichten, wie Sie schaffen. Weg mit dem Zeug! Was Ihnen beim Berühren der Löschtaste bzw. dem Verschieben in den “Altablage”-Ordner keine Gänsehaut über den Rücken jagt, kommt da rein. Versuchen Sie das einmal pro Woche und jagen Sie Ihren eigenen Rundenrekord.
  3. “Der Nächste, bitte”: Sortieren Sie Ihren Posteingang nach Absendern und dann so, dass die älteste Nachricht pro Abender zuerst aufgelistet wird. Bearbeiten Sie von jedem Absender eine Nachricht und erledigen Sie diese. Hören Sie nicht auf, bis nicht diese eine Nachricht von jedem Absender im Eingang entweder abgelegt, delegiert oder beantwortet ist.
  4. “Flaschenhals”: Suchen Sie sich jeweils die Nachricht aus dem Posteingang, die Sie am meisten nervt, die bereits am häufigsten gelesen und wieder zurückgestellt wurde und machen Sie nichts anderes, bis Sie diese beiden Nachrichten erledigt haben.
  5. “Problem anderer Leute-Feld”: sortieren Sie die aufsteigend nach Größe. Gehen Sie anschließend durch den Posteingang und delegieren Sie ohne Gnade und Barmherzigkeit die Nachrichten, die Sie delegieren können. Wenn es jemand anders bearbeiten kann oder gar soll, was macht die Nachricht dann immer noch in Ihrem Posteingang?
  6. “Pareto”: 20 Prozent Ihrer Nachrichten im Posteingang sind verantwortlich für 80 Prozent Ihres Erfolgs bzw. Ihrer Produktivität. Markieren Sie diese und arbeiten Sie diese bis zum Ende der Woche ab. Ignorieren Sie alle anderen Nachrichten. Am Freitag löschen Sie alle dieser Nachrichten, für die noch keine Nachfrage eingetroffen ist.
  7. “I’ll be back”: Sortieren Sie Ihren Posteingang nach Datum, die neuesten zuerst. Nehmen Sie dann die ältere Hälfte. Falls Sie die Nachricht nicht gleich löschen können, beantworten Sie alle mit einem Hinweis, dass Sie derzeit keine Zeit haben, innerhalb von einer Woche auf diese Nachricht zu antworten. Alle Nachrichten, zu denen keine Nachfrage kommt, werden am Ende der nächsten Woche abgelegt oder delegiert.
  8. “Monetarisierung”: Suchen Sie die fünf Nachrichten aus dem Posteingang, die für Sie bzw. Ihre Firma die größten wirtschaftlichen Auswirkungen haben. Bearbeiten Sie diese sofort. Solange, bis die Nachricht entweder delegiert oder abgelegt oder beantwortet wurde.
  9. “Magenknurren”: Wir arbeiten schneller und denken besser, wenn wir hungrig sind. Eine halbe Stunde vor der Mittagspause suchen Sie die zehn neuesten Nachrichten und arbeiten diese ab. Mittagspause gibt es dann, wenn Sie diese zehn Nachrichten erledigt haben.
  10. “I’m sorry, Dave”: Suchen Sie alle Nachrichten in Ihrem Posteingang, die Sie ehrlich mit einem “Sorry, aber Ich kann Ihnen nicht wirklich weiterhelfen” beantworten können. Tun Sie’s! Schreiben Sie eine Antwort mit genau diesem Inhalt und dann delegieren Sie die Nachricht an jemand, der es kann oder löschen die Nachricht.

Als kleines Adventsgeschenk noch der Bonus-Tipp: zählen Sie die Nachrichten in Ihrem Posteingang und berechnen Sie die “5%-Hürde”. Erledigen Sie nun jeden Tag von jetzt bis zum 23. Dezember diese Anzahl von  Nachrichten in Ihrem Posteingang. Seien Sie konsequent und halten Sie durch. Vor den Feiertagen haben Sie dann mit etwas Glück einen leeren Posteingang! Aktueller Stand beim Autor: 12 Nachrichten.

Da isser wieder …

20. November 2009 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Nein, ich habe das Thema Blog nicht abgeschlossen. Es gab aber Dinge, die mir in den letzten sechs Monaten wichtiger waren, als hier zu schreiben. In dieser Zeit habe ich allerdings auch festgestellt, dass eine ganze Reihe von Themen existiert, zu denen ich eine eigene Meinung habe und über die ich gerne schreiben würde. Manchmal ist eine solche Pause eine gute Idee, um Klarheit zu schaffen. Falls sich einer der übrig gebliebenen Leser bei einem zufälligen Besuch also fragt, was so viel wichtiger war als das Blog, ein Blick auf das Foto sollte reichen ;-)

Novemberspielplatz

Novemberspielplatz

In Zukunft wird hier aber wieder vermehrt geschrieben, auch und vor allem über das Thema “Informationsdiät”. Denn das echte Leben sollte durch das virtuelle unterstützt werden, nicht umgekehrt. Und ganz profan: Blog schreiben macht im Winterhalbjahr mehr Spaß als im Sommer, da bin ich lieber mit meinen Mädels im Freibad. ;-)

Wann den Beruf genießen?

15. April 2009 Arminius 2 Kommentare

Ich habe in der letzten Zeit einige Bücher und Interviews mit Leuten gelesen, die in Ihrem Beruf wirklich aufgingen und glaube dabei, ein gemeinsames Muster gefunden zu haben, dass sehr interessant ist. Die Grafik unten soll dieses Muster bzw. den Zusammenhang zwischen Leistungsfähigkeit und Erfahrung verdeutlichen. Dabei steht die X-Achse für die Zeit (im Beruf) und die orangefarbene Kurve wird auf der Y-Achse als die dabei gewonnene Erfahrung aufgetragen. Die blaue Kurve stellt die berufliche Leisungsfähigkeit im Verlauf des Berufslebens dar.

Erfahrung und Leistung im Beruf

Erfahrung und Leistung im Beruf

Dabei ergeben sich fünf meiner Meinung nach interessante und charakteristische Punkte, die in der Grafik mit den Buchstaben von “A” bis “E” markiert sind.

A – das explorative Lernen

Zu Beginn der Tätigkeit ist viel Leistung vorhanden, allerdings gepaart mit wenig Erfahrung. Ähnlich einem Wagen ohne Traktionskontrolle sollte nur “wenig Gas” gegeben werden. Alles ist neu, alles sieht interessant und auch machbar aus, es gibt aber noch keine Erfahrung, auf die man für komplexe Entscheidungen aufbauen könnte. In dieser Phase kann jeder viel von einem Mentor profitieren.

B – der junge Sprinter

Die ersten Erfahrungen sind gemacht und man kann sich orientieren, was wichtig ist, auf neue Anforderungen kann schnell reagiert werden, denn es sind Leistungsreserven vorhanden. Dies ist die “was kostet die Welt”-Phase. Allerdings lauern auch Gefahren; viele der schlimmsten beruflichen Fehlschläge entstehen in dieser Phase, den die eigenen Fähigkeiten (die Kombination aus Erfahrung, Leistung und dem Lernen) werden überschätzt.

C – den Gipfel genießen

Der Gipfel der Leistungsfähigkeit ist erreicht (auch wenn für einen selbst oft der Eindruck ensteht, er sei schon vorbei). Ein großer Erfahrungsschatz hilft bei Herausforderungen, blockiert aber noch nicht neue Denkansätze. Die eigenen Grenzen können realistisch eingeschätzt werden und werden oft deutlich unter denen des jungen Sprinters kommuniziert (das berühmte “Ich weiß, dass ich nichts weiß”). Man kennt sein Geschäft, schätzt neue Herausforderungen und gilt bei jungen Einsteigern als erfahrener Veteran.

D – der Punkt des Rückzugs

Irgendwo in diesem Bereich sollte idealerweise der Ausstieg geplant werden. Solange die Leistungsfähigkeit noch größer als die Erfahrung ist, macht die berufliche Tätigkeit Spaß, auch wenn manchmal bereits die Grenzen der Leistungsfähigkeit deutlich werden. Dies kann durch Erfahrung und Intuition ausgeglichen werden. Falls möglich, ist es nun an der Zeit, neue Ufer anzusteuern und Aufgaben an jemand in der Phase C oder einem Team aus B und E als Mentor anzuvertrauen. Familäre Prioritäten tauchen oft nach jahrelanger Unterbewertung wieder auf.

E – der Mentor und Autor

Dies ist die Phase des “ein Buch darüber schreiben”. Der enorme Schatz an Erfahrungen soll nicht einfach in Vergessenheit geraten. Strategie ist hier weit wichtiger als Taktik. Für das hektische Tagesgeschäft sind die Leute an Punkt B und C da, jetzt bleibt Zeit für Resümees, Entwürfe und Mentorentätigkeiten. Gelentliche Einsätze als “rettender Engel” im Team werden als willkommene Gelegenheit gesehen, nochmal mit den jungen Wilden zu reiten und den Scout zu spielen. Wie oben geschildert, folgen hier oft Veröffentlichungen, für die sonst keine Zeit war und für deren Erstellung und Gliederung jetzt die Erfahrung da ist.

Was denken Sie darüber? Kennen Sie jemand an einem der Punkte?

Schätzungen, Anforderungen und andere Katastrophen, Teil 2

14. April 2009 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Mach mich messbar

Wie im ersten Teil versprochen, hier nun einige Anregungen, mit denen sich Aufwandsschätzungen durch eine bessere Erfassung der nichtfunktionalen Anforderungen möglicherweise präzisieren lassen. Wie meist im richtigen Leben gibt es keine Silberkugel, um das Problem zu lösen, allerdings Erfahrungswerte. Aufwandsschätzungen für den funktionalen Teil eines Systems (das “was” eines Systems, meist besser beschreibbar in Verben, während der nichtfunktionale Teil das “wie” eines Systems beschreibt; meist besser in Adjektiven ausdrückbar) sind mit etwas Erfahrung relativ gut machbar. Damit haben wir aber noch kein benutzbares System. Nun müssen aus den nichtfunktionalen Anforderungen messbare Erfüllungskriterien werden. Ein Beispiel, das sicherlich jeder kennt, der bereits eine Softwarespezifikation gelesen hat:

Das System zur Erfassung der Firmenwagenresevierung muß einfach bedienbar sein.

Gut. Ok. Ahem … Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Wie lässt sich “einfach bedienbar” messen?

  • Durch die schrittweise Verfeinerung dieser Aussage bis zu messbaren Kriterien
  • Durch das Erstellen von Use Cases mit messbaren Erfüllungskriterien
  • Durch die Erstellung einer Richtlinie für Benutzeroberflächen, deren Einhaltung in der Spezifikation als Erfüllung dieses Kriteriums definiert wird

Beispielsweise könnte die obige Anforderung für einen Teilbereich auch so formuliert werden:

Die Eingabe einer neuen Firmenwagenreservierung durch Anwender muss fehlerfrei innerhalb einer halben Stunde  nach dem ersten Kontakt mit der Anwendung möglich sein.

Bei der Erfassung einer Firmenwagenreservierung darf im Testbetrieb nur eine von fünfzig Buchungen einen Zeitaufwand größer als eine Minute erfordern.

Damit lässt sich etwas anfangen.

Anforderungen finden, keine Lösungen

Sie sollten bei der Analyse und Erfassung nur darauf achten, in den Anforderungen nicht gleich die Lösung bzw. die technische Implementierung zu erfassen. Dies führt zu unnötigen Beschränkungen, wie der Autor aus eigener Erfahrung mitteilen kann. Ein klassisches Beispiel hierzu ist eine Anforderung wie die folgende.

Der Zugang zu den einmal erfassten Buchungen wird für den Fuhrparkleiter durch die Eingabe eines Passwortes gesichert.

Jetzt muss unsere arme Fuhrparkleiterin auf immer und ewig mit der Eingabe eines Kennwortes leben, auch wenn der Rest der Firma auch automatisch authentifizierende Chipkarten oder Fingerabdruckscanner umgestiegen ist. Was war der Gedanke hinter der Anforderung? Nur berechtigte Personen sollen Zugang erhalten. Besser wäre gewesen:

Das System stellt sicher, dass nur der Fuhrparkleiter Zugang zu den einmal erfassten Buchungen erhält.

Damit halten wir die Implementierung aus der Anforderung heraus. Stellt sich dann heraus, dass ein Kennwort sinnvoller ist, gut. Ist ein Zugang über Single-Sign-On oder einen Transponder sinnvoller, auch gut.

Geh zur Quelle

Die Frage oben (”Was ist der Gedanke hinter der Anforderung?”) ist für die Bestimmung der Kriterien zur Erfüllung nichtfunktionaler Anforderungen ein sehr gutes Hilfsmittel. Im Kaizen gibt es den Ansatz des Genkin-butso (”Geh zur Quelle“): bei unerwünschten Ergebnissen gibt man sich nicht mit der ersten Erklärung zufrieden, sondern fragt fünf Mal nach dem “Warum”. So gelangt man an die Kernursache des unerwünschten Zustandes. Dieses Ansazu lässt sich auch auf die meist schwammig formulierten nichtfunktionalen Anforderungen bei Anwendern anwenden. Eine mehrfache Nachfrage nach dem “Was bedeutet das für Sie” oder “Warum XYZ” wird einen Einblick in die Kernursache dieser Anforderungen erlauben. Hierbei tauchen dann bei Systemen, die ein Altsystem ablösen, oft sogenannte “cease goals” auf, also abzustellende, unerwünschte Eigenschaften eines bestehenden Systems. Auch aus diesem Grund sind für die bestimmung des Implementierungsaufwands erfahrene Anwender während eines Workshops wertvoller als die dritte oder vierte Person aus der IT-Abteilung.

Meiner Meinung nach entfällt damit der weitaus größte Teil des unsicheren, variablen Anteils bei einer Aufwandsschätzung für ein IT-System auf die nichtfunktionalen Anforderungen. Auch hier ist Erfahrung wertvoll, da man nach einer gewissen Anzahl von solchen Projekten “seine Pappenheimer kennt” und so abschätzen kann, was hinter der einen oder anderen solchen Anforderung steckt. Daher ist es von großer Wichtigkeit, diesen Teil der Anforderungsanalyse mit entsprechender Sorgfalt zu erledigen, um damit nicht nur zu einer brauchbaren Aufwandsschätzung, sondern auch zu einem erfolgreichen Projekt zu kommen.

Bücher zum Thema

Die folgenden Bücher sind meine persönlichen Favoriten zu diesem Thema und ich würde alle fünf jederzeit wieder kaufen. Viel Spaß beim Lesen! (Disclaimer: ich bekomme nichts für die Links).

Visualisierung statt Datenbrei

2. März 2009 Arminius 1 Kommentar

Es gibt diesen abgedroschenen Spruch “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”. In vielen Fällen stimmt er allerdings. Gerade in einer Welt, in der immer mehr Informationen auf einen einstürmen, die verarbeitet (und vor allem verstanden) werden wollen, ist Visualisierung oft der einzige Weg, aus Daten Informationen zu machen.

Kleiner Einschub: Daten und Informationen sind nicht dasselbe. Das Münchner Telefonbuch sind erstmal nur Daten. Die Liste der plastischen Chirurgen sowie der Juweliere und der Edelboutiqen auf einen Stadtplan visualisiert, das sind Informationen.

Nachdem ich in der letzten Zeit über einige sehr interessante Dinge aus den verschiedensten Bereichen gestolpert bin, möchte ich Ihnen diese nicht vorenthalten. Als erstes eine aktuelle Visualisierung, die statt ellenlanger Texte mit Fachausdrücken sehr gekonnt die prinzipiellen Ursachen der Finanzkrise aufzeigt. Ich hab’ endlich verstanden, was mit dem Ausdruck CDO in der Finanzwelt bezeichnet wird (und wenn ich das auch nur zur Hälfte richtig verstanden habe, trägt es nicht dazu bei, meine Annahme über den durchschnittlichen IQ eines Investmentbankers zu revidieren). Falls jemand so etwas auf Deutsch hat, bitte melden. Danke an Jonathan Jarvis.


The Crisis of Credit Visualized from Jonathan Jarvis on Vimeo.

Wenden wir uns etwas optimistischerem zu. Wer auf TED.com noch nicht die Präsentation von Hans Rosling gesehen hat, sollte das jetzt tun (ich warte solange, kein Problem).

Die Website, auf der sich das Ganze interaktiv selbst ausprobieren lässt, ist www.gapminder.org – sehr empfehlenswert. Warum wird sowas nicht im Schulunterricht eingesetzt? Aber das ist ein anderer Post …

Ich fliege beruflich zwar nicht mehr so viel wie in früheren Positionen, aber es reicht, um morgens ohne Kaffee im Halbschlaf in MUC das richtige Gate zu finden. ;-) Gerade Flugdaten sind aber ein sehr gutes Beispiel, um den Sinn einer Visualisierung zu zeigen. So werden aus einer Halde von Daten Muster erkennbar, wie im folgenden Beispiel.

Der Link zum Video auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=1XBwjQsOEeg

Ein weiterer solcher Link ist http://www.youtube.com/watch?v=YJ4d2j6Kir8 oder http://www.youtube.com/watch?v=cQTAfIf_AOk Schön sind auch die Arbeiten von Aaron Koblin.

Das tollste Beispiel ist meiner Meinung nach eine Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die Echtzeitdarstellung des Verkehr rund um Zürich Kloten! Der Link dazu ist http://radar.zhaw.ch/radar.html und die Seite ist wirklich einen Blick wert. Wer also wissen will, ob die Kollegin schon gelandet ist oder wann der Papa auf den Heimweg startet, hier lässt sich das zeigen.

Wer sich für die verschiedenen Ansätze interessiert, die für die Visualisierung komplexer Netzwerke benutzt werden, der wird hier fündig. Als Softwaremensch kann ich natürlich nicht umhin, zumindest einen Link anzubieten, falls Sie sowas selbst erstellen wollen und sich jede Menge Arbeit sparen wollen: Processing. Wer etwas Java (oder eine Sprache in der Richtung) beherrscht, kommt hier schnell zu Ergebnissen. Den Datenhaufen zum Visualisieren müsse Sie sich allerdings selbst suchen.

Manchmal lassen sich Informationen aus Daten gewinnen, die überhaupt nicht danach aussehen. Ein schlauer Kopf bei Google ist auf die Idee gekommen, dass Leute, die an Grippe erkrankt sind, natürlich auch in Google nach Medikamenten und Behandlungen suchen. Also lassen sich diese Suchanfragen auswerten uns auf einer Karte der Vereinigten Staaten visualisieren – fertig ist Google Flu Trends! Und ja, damit lassen sich Vorhersagen machen, welche zwei Wochen schneller verfügbar sind, als die offiziellen CDC-Reports.

Oh, Mitternacht. Damit also genug für heute und ein Gruß an eine ehemalige Kollegin, die auf den Artikel zum Thema Schätzung, Aufwandsschätzung und andere Katastrophen, noch etwas warten muss. ;-)

Checkliste? Check!

20. Januar 2009 Arminius 2 Kommentare

Es ist der 30. Oktober 1935. Auf dem Flugplatz von Wright Field in Dayton, Ohio beginnt die letzte Phase der Evaluierung der Kandidaten für den neuen Langstreckenbomber der US Air Force. Neben Martin und Douglas hatte auch Boeing eine Maschine im Renen, das Model 299. Auf dem Papier hatte diese Maschine die Konkurrenten hinweg gefegt: schneller als der alte Bomber, die doppelte Reichweite, mehr Bombenlast, robuster … – es sah aus, als würde der Evaluierungsflug ein Schaulaufen werden.

Major Ployer P. Hill als Pilot und Donald Putt als Co (der die früheren Testflüge durchgeführte) rollen den Taxiway entlang zur Startbahn. Der Bomber beschleunigt, hebt ab und beginnt mit dem normalen Steigflug. Plötzlich steigt die Maschine steil nach oben, die Strömung reisst ab. Der Bomber kippt über den Flügel und zerschellt auf dem Boden. Das Wrack explodiert in einer Flammenhölle. Von den fünf Personen an Bord überleben drei schwer verletzt, zwei, darunter auch Pilot Hill, kommen in den Flammen um. Die Untersuchung des Flugunfalls ergibt als Ursache menschliches Versagen (”pilot error”). Es war Hills erster Flug mit der Maschine, die wesentlich komplexer war als die alten Bomber. Vier Triebwerke, Elektrik, Hydraulik, neue Bedienelemente, das konnte niemand nach einer kurzen Einweisung im Kopf behalten. Hill hatte den Überlick verloren, der mit anwesende Cheftestpilot von Boeing hatte noch versucht, die falsche Bedienung des Höhenruders zu korrigieren, kam aber nicht an die Steuerlemente.

Das war’s. Die Army erklärte die Maschine des Mitbewerbers zum Sieger und Zeitungen schrieben über die Maschine von Boeing als “zu viel Flugzeug für einen Mann”.  Die Firma schrammte haarscharf am Bankrott vorbei. Immerhin, etwa ein Dutzend Maschinen wurde nach viel Lobbyarbeit gnädigerweise als Testmaschinen bestellt und im Sommer 1937 in Virginia stationiert. Boeing, das Kriegsministerium und der Kongress machen dem Geschwader klar, dass der kleinste Vorfall das Aus für das Modell 299 bedeuten würde. Die Maschine, die ein Reporter Anfang der 30er noch als “fliegende Festung” glorifiziert hatte, stand auf der Kippe.

Die Crews versuchten, eine Lösung zu finden. Es war klar, dass noch mehr Training und noch mehr Drill das Problem nicht lösen würden. Wenn einer der erfahrensten Piloten das Flugzeug in den Boden fliegt, wer sollte dann mehr Kompetenz mitbringen? Es durfte nicht das Kleinste vergessen werden. Das Ergebnis war eine “Checkliste”, eine abzuhakende Liste von Punkten, welche die Cockpitbesatzung durchzugehen hatte. Tatsächlich waren es vier simple Listen – Start, Flug, vor der Landung und nach der Landung. Durch diese Listen, das rigorose Bestehen auf der Abarbeitung der Listen und viel Übung schaffte es das Geschwader, mit den Testmaschinen 1.8 Millionen Flugmeilen ohne einen Zwischenfall zu absolvieren. Die Maschine war nicht “zuviel Flugzeug für einen Piloten”, sie war einfach ein modernes, hochkomplexes Stück Technik. “Zu umfangreich für die Routine des Piloten” hätte die Sache besser getroffen. Schlussendlich war die U.S. Army überzeugt und orderte insgesamt weit über 12000 Maschinen, die dann B-17 genannt wurden, die “Flying Fortress” – das Rückgrat der amerikanischen Bomberverbände im zweiten Weltkrieg.

Vorher (und auch noch bis zu den 50er Jahren) war das Fliegen ein “Abenteuer” für “wagemutige Männer”. Ein alter Doppeldecker brauchte keine Checkliste, sondern den “Rockstar-Piloten”. Erst nach dem Ende des Krieges begann der Wandel vom Wagemut zur Risikovermeidung, der Verfestigung von bewährten Prozeduren in Checklisten und heute ist Anlassen der Triebwerke undenkbar ohne die Abarbeitung einer entsprechenden Checkliste. Betrachtet man die Entwicklung der Luftfahrt, dann ist klar, wie entscheidend die Erfindung der Checkliste für die Sicherheit war.

Beeindruckend an Checklisten ist oft ihre geradezu provozierende Einfachheit, die gerade die Rockstar-Typen unter den geplanten Benutzern der Checklisten oft zu verächtlichen Bemerkungen hinreißt. “Sowas habe ich nicht nötig”, heißt es dann oft. In Wirklichkeit ist die Checkliste im Umgang mit komplexen System eines der besten Arbeitsmittel, um Fehler zu vermeiden und den Kopf von Routineaufgaben zu befreien. Ein anderes Beispiel ist die Medizin. Auch hier können simple Checklisten Leben retten und Millionen an Aufwand einsparen. Nun ist die Medizin ein Bereich, gegen den das Fliegen eines viermotorigen Bombers wie Kinderkram aussehen kann. Tausende von Symptomen und Krankheitsverläufen, Komplikationen, individuelle Patientengeschichten, wie sollte in diesem Dickicht aus Möglichkeiten eine einfache Checkliste wesentliche Verbesserungen bringen?

Dr. Peter Pronovost, ein Intensivmediziner am Johns Hopkins, begann 2001 trotzdem. Er beschränkte sich auf einen bestimmten Bereich, die bakterielle Infektion an Kathedern. Nach zehn Tagen litten durchschnittlich elf Prozent der Patienten an einer Infektion. Dr. Pronovost schrieb fünf einfache Punkte auf ein Blatt: 1) hat sich der Mediziner die Hände mit med. Seife gewaschen? 2) wurde die Haut des Patienten desinfiziert? 3) ist der Patient mit sterilen Tüchern abgedeckt? 4) trägt der Mediziner Mundschutz, Handschuhe und OP-Kittel? und 5) wurde der Katheder nach dem Setzen steril abgedeckt? Nicht, wofür man den Medizinnobelpreis bekommt, eher gesunder medizinischer Menschenverstand.

Dennoch beobachteten die Krankenschwestern in einer ersten Studie, dass etwa ein Drittel der Ärzte mindestens einen Schritt vergaßen! Daraufhin wurde die Abarbeitung der Checkliste verbindlich und die Schwestern durfen die Ärzte stoppen, bevor ein Schritt vergessen werden würde. Das Ergebnis: nach zehn Tagen durchschnittlich 0 Infektionen! Mit einer simplen Fünf-Punkte-Liste!

In einer neuen Studie der Weltgesundheitsorganisation wurde dies ebenfalls wieder deutlich (hier der Link auf einen deutschen Text).  Eine einzige Seite mit 19 Punkten, die zu drei Zeitpunkten während einer Operation abgearbeitet werden, senkt die Komplikationsrate von 11 auf 7 Prozent. Die Mortalitätsrate ging um 40% zurück! In den letzten fünfzehn oder zwanzig Jahren ist die Medizin am “Modell 299″ angelangt. Die Komplexität des heutigen klinischen Umfelds ist mittlerweile zu groß, um alle Einzelheiten im Kopf zu behalten. Das sollen die Ärzte auch gar nicht, die in Checklisten “abgelegte” Routine macht den Kopf frei für medizinische Problemlösungen. Aber gerade hier haben sich auch viele Mediziner kritisch zu solchen Checklisten geäußert, mit den gleichen Argumente, die damals die Piloten vorbrachten: “das habe ich nicht nötig”, “es gibt keine gesicherten Daten zum Nutzen” und so weiter.

Auch in der IT (wo glücklicherweise das Risiko für den Schaden am Menschen im Normalfall weitaus geringer ist als in der Intensivmedizin) sind wir an einem Punkt angelangt, an dem bestimmte Dinge nicht mehr in der Hektik des Tagesgeschäfts “aus dem Kopf” oder “durch Erfahrung” gehandhabt werden können. Die weitreichenden Auswirkungen eines landesweite lahmgelegten Zugverkehrs, zusammenbrechender Logistikketten oder von internationalen Datennetzen sind alle schon erlebt worden und in vielen Fällen ist das berüchtigte “menschliche Versagen”  kein Versagen, sondern ungenügende Optimierung der Arbeitsumgebung. Auch in der Softwareentwicklung gibt es noch genügend “Rockstars”, die es “nicht nötig haben”, Checklisten zu benutzen.

Unsere technisierte Umwelt wird zunehmend komplexer und die Notwendigkeit, gefährliche Tätigkeiten zu entschärten, steigt immer weiter. Eine Checkliste ist kein Allheilmittel, aber wie die oben genannten Beispiele zeigen oft ein Ansatz zu signifikanten Verbesserungen mit minimalem Aufwand. Der oft vorgebrachte Aufwand, “den Papierkram zu lassen und sich um das Problem zu kümmern” erinnert mich oft an einen Ertrinkenden, der vor lauter Um-Hilfe-Schreien nicht zum Paddeln kommt.  Einschränkungen können befreien, auch wenn sie in Form von Checklisten oder Standardvorgehensweisen darherkommen. Dann haben wir den Kopf frei für den anderen Teil, der zum Meistern unserer komplexen, informationsgefluteten Umwelt benötigt wird: Kreativität, Intuition und Ideen.