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Zahlworte: Einundzwanzig oder Zwanzigeins?

11. Februar 2010 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Jetzt, wo meine Tochter mit etwas über vier Jahren bei Ihren Ausflügen ins Zahlenland auch mal die Tiefebene der einstelligen Zahlen verlässt und das zweistellige Waldland erkundet, wird mir bewusst, dass unsere Zahlwörter (Numeralia) nicht unbedingt logisch zu nennen sind.
Zahlenwürfel
Wir Deutschen sind da nicht allein, auch andere europäische Sprachen haben da den einen oder anderen glitch in der Logik. Als wir uns in der Schule für  Latein oder Französisch entscheiden konnten, war jeweils eine Stunde “Probehören” dabei. Als ich dann das erste Mal quatre-vingt-dix-neuf (franz. 99, wörtlich vier zwanzig zehn neun) hörte, dachte ich mir “Naja, Mathe habe ich schon und ich wollte eigentlich eine Sprache lernen, also nehmen wir Latein” ;-) Aber zurück zum Thema …

So steht Deutsch mit der Invertierung von Zahlen zwischen 21 und 99 relativ allein. Logisch ist “fünfundvierzig” eigentlich nicht, vollends krumm wird es bei Zahlen wie 23456, bei denen die Ziffern in der Reihenfolge 2.1.3.6.5 gesprochen werden. Da haben es Italiener mit “quarantacinque” oder Engländer mit “forty-five” auf den ersten Blick leichter. Daraus nun aus Gründen des Erfolgs in einer zunehmend beschleunigten Welt wie der Verein Zwanzig-Eins nun gleich eine von oben verordnete Reform der Sprache zu fordern (hatten wir da nicht erst eine gloriose Bauchlandung), ist meiner Meinung nach etwas übertrieben, obwohl die Argumente für konsistente Zahlwörter durchaus sinnvoll sind. Es sollte aber auch der kulturelle und sprachhistorische Kontext beachtet werden. So sind auch im Englischen und Italienischen die “kleinen” Zahlen (meistens bis zwischen 15 und 20) ebenfalls invertiert (erst ab 17 invertiert das Italienische nicht mehr). Über das Französische habe ich ja bereits weiter oben gelästert (was mir mit einem Wortschatz von einem Dutzend Worten eigentlich gar nicht zusteht). Diese kleinen Zahlen bilden aber den überwiegenden Teil der täglichen Sprachwelt (es sei denn, Sie sind Investmentbanker, dann können Sie sich nach der Finanzkrise sowieso ohne Nachfragen auf Dyskalkulie heraus reden).

Unsere “arabischen” Ziffern (welche arabische Gelehrte dankenswerweise aus Indien zu uns exportiert haben) werden im Arabischen von rechts nach links geschrieben, hier ist ein “chamsa-arbain” (fünf-vierzig) also völlig normal, allerdings folgen da die Stellenwerte auch konsistent aufsteigend der Schreibrichtung. Aus solchen kulturellen Unterschieden, die Mutterprachler in den allermeisten Fällen völlig unbewusst korrekt verwenden nun gleich auf eine signifikante Benachteiligung von Kindern beim Lernen zu schließen, wie es Prof. Gerritzen tut, heißt meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus zu schießen. Immerhin lassen sich mit solchen Thesen Religionskriege entfachen, gegen die die Auseinandersetzungen wie “Windows gegen Linux” oder die Platzierung von geschweiften Klammern bei C++ wie ein Kindergeburtstag aussehen ;-)

Offenbar hat der Mensch an sich etwas gegen Veränderungen dieser Art. Was viel wichtiger ist und bei dieser ganzen Geschichte übersehen wird, ist die Tatsache, dass Kindern ein Verständnis und ein Gefühl für Zahlen vermittelt werden sollte, welches ihnen erlaubt, “zweiundvierzig” zu sagen, aber 4 x 10 + 2 zu denken. Die Kenntnis mehr als eines Stellenwertsystems (ja, ich weiß, als IT’ler muss jetzt die Basis 16 kommen) bringt hier die Erkenntnis, dass Zahlen und Ziffern Symbole sind und 49 nicht immer 4 x 10 + 9 bedeuten muss. Dazu ein Gespür für Mengen und Größen (wer kann auf Anhieb verdeutlichen, wie viel ein Gigabyte Text ist, was bedeutet 34 Milliarden?) und für verschiedene Bezeichnungen (million, billion, milliard, Milliarde), so etwas wäre sinnvoll.

Der Schlüssel hierzu liegt — und da wäre anzusetzen, bevor versucht wird, Sprache zu verbiegen — in engagierten jungen Pädagogen mit didaktischem Talent, die es verstehen, Begeisterung zu wecken für Zahlen und Mathematik. Darüber würde ich gerne lesen, wie Universitäten versuchen, sich hierin zu übertreffen. Denn wie ein altes Sprichwort sagt: “Kinder sind keine Fässer, die gefüllt werden, sondern Feuer, die entfacht werden wollen”.

Schwarze Schwäne – Lesefutter fürs neue Jahr

3. Januar 2010 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Es ist schon faszinierend, wieder einmal vor Augen geführt zu bekommen, wie weit meine “Muss ich unbedingt mal lesen” – Liste mittlerweile ist. Ich hatte mit vor ungefähr fünf Jahren das Buch “Fooled by Randomness” bestellt und das Buch dann aus irgendeinem Grund nicht bekommen. Jetzt bin ich bei einer Recherche wieder auf den Autor, Nassim Nicholas Taleb, gestoßen. Der Mann hat mittlerweile einen Rockstar-Status, nicht ganz zu unrecht. Wenn Bücher bzw. ihre Autoren beinahe oder Zwischentöne entweder auf den Olymp gehoben oder in tiefste Tiefen verrissen werden, dann klingt das für mich nach einer interessanten Lektüre. Oder wie Dr. Werner Fuchs in seiner Amazon-Rezension schreibt: “Denn dies deutet meist darauf hin, dass es sich um Angriffe auf Glaubensmodelle handelt, deren Infragestellung Verhaltensmuster ebenso erschüttern wie Institutionen und Bildungsstätten. Entsprechend harsch reagieren denn auch viele Leser.” Dem kann ich nur beipflichten.

Wem der Name Nassim Taleb gar nichts sagt, kann entweder die Wikipedia befragen (sorry für den englischen Link, aber der deutsche Artikel ist nur ein müder Abklatsch) oder sich erst einmal mit der “Theorie des schwarzen Schwans” (hier auch mit Video) beschäftigen. Alternativ gibt es noch ein etwa zehnminütiges Video im Gespräch mit Arianna Huffington. Auch wenn seine derzeitige Beweihräucherung etwas stark ausfällt, vertritt er dennoch eine äußerst interessante Position, der ich in Sachen Finanzpolitik nur zustimmen kann. Nicht zuletzt sind seine “Zehn Grundsätze für eine Scharzer-Schwan-tolerante Welt” in entsprechender Form durchaus auch in der IT-Welt bekannt (oder sollten es zumindest sein). Um den Kreis zum Anfang zu schließen: dieses Jahr steht N.N. Taleb ziemlich weit oben auf meiner Liste … ;-)

Wann den Beruf genießen?

15. April 2009 Arminius 2 Kommentare

Ich habe in der letzten Zeit einige Bücher und Interviews mit Leuten gelesen, die in Ihrem Beruf wirklich aufgingen und glaube dabei, ein gemeinsames Muster gefunden zu haben, dass sehr interessant ist. Die Grafik unten soll dieses Muster bzw. den Zusammenhang zwischen Leistungsfähigkeit und Erfahrung verdeutlichen. Dabei steht die X-Achse für die Zeit (im Beruf) und die orangefarbene Kurve wird auf der Y-Achse als die dabei gewonnene Erfahrung aufgetragen. Die blaue Kurve stellt die berufliche Leisungsfähigkeit im Verlauf des Berufslebens dar.

Erfahrung und Leistung im Beruf

Erfahrung und Leistung im Beruf

Dabei ergeben sich fünf meiner Meinung nach interessante und charakteristische Punkte, die in der Grafik mit den Buchstaben von “A” bis “E” markiert sind.

A – das explorative Lernen

Zu Beginn der Tätigkeit ist viel Leistung vorhanden, allerdings gepaart mit wenig Erfahrung. Ähnlich einem Wagen ohne Traktionskontrolle sollte nur “wenig Gas” gegeben werden. Alles ist neu, alles sieht interessant und auch machbar aus, es gibt aber noch keine Erfahrung, auf die man für komplexe Entscheidungen aufbauen könnte. In dieser Phase kann jeder viel von einem Mentor profitieren.

B – der junge Sprinter

Die ersten Erfahrungen sind gemacht und man kann sich orientieren, was wichtig ist, auf neue Anforderungen kann schnell reagiert werden, denn es sind Leistungsreserven vorhanden. Dies ist die “was kostet die Welt”-Phase. Allerdings lauern auch Gefahren; viele der schlimmsten beruflichen Fehlschläge entstehen in dieser Phase, den die eigenen Fähigkeiten (die Kombination aus Erfahrung, Leistung und dem Lernen) werden überschätzt.

C – den Gipfel genießen

Der Gipfel der Leistungsfähigkeit ist erreicht (auch wenn für einen selbst oft der Eindruck ensteht, er sei schon vorbei). Ein großer Erfahrungsschatz hilft bei Herausforderungen, blockiert aber noch nicht neue Denkansätze. Die eigenen Grenzen können realistisch eingeschätzt werden und werden oft deutlich unter denen des jungen Sprinters kommuniziert (das berühmte “Ich weiß, dass ich nichts weiß”). Man kennt sein Geschäft, schätzt neue Herausforderungen und gilt bei jungen Einsteigern als erfahrener Veteran.

D – der Punkt des Rückzugs

Irgendwo in diesem Bereich sollte idealerweise der Ausstieg geplant werden. Solange die Leistungsfähigkeit noch größer als die Erfahrung ist, macht die berufliche Tätigkeit Spaß, auch wenn manchmal bereits die Grenzen der Leistungsfähigkeit deutlich werden. Dies kann durch Erfahrung und Intuition ausgeglichen werden. Falls möglich, ist es nun an der Zeit, neue Ufer anzusteuern und Aufgaben an jemand in der Phase C oder einem Team aus B und E als Mentor anzuvertrauen. Familäre Prioritäten tauchen oft nach jahrelanger Unterbewertung wieder auf.

E – der Mentor und Autor

Dies ist die Phase des “ein Buch darüber schreiben”. Der enorme Schatz an Erfahrungen soll nicht einfach in Vergessenheit geraten. Strategie ist hier weit wichtiger als Taktik. Für das hektische Tagesgeschäft sind die Leute an Punkt B und C da, jetzt bleibt Zeit für Resümees, Entwürfe und Mentorentätigkeiten. Gelentliche Einsätze als “rettender Engel” im Team werden als willkommene Gelegenheit gesehen, nochmal mit den jungen Wilden zu reiten und den Scout zu spielen. Wie oben geschildert, folgen hier oft Veröffentlichungen, für die sonst keine Zeit war und für deren Erstellung und Gliederung jetzt die Erfahrung da ist.

Was denken Sie darüber? Kennen Sie jemand an einem der Punkte?

Vui zfui Gfui

19. März 2009 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Das ist einfach zu schön, um nicht eine halbe Stunde damit herum zu spielen: der sprechende Sprachatlas von Bayern!
Die URL: http://sprachatlas.bayerische-landesbibliothek-online.de/
So, und jetzt wieder zurück an die Arbeit …

Visualisierung statt Datenbrei

2. März 2009 Arminius 1 Kommentar

Es gibt diesen abgedroschenen Spruch “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”. In vielen Fällen stimmt er allerdings. Gerade in einer Welt, in der immer mehr Informationen auf einen einstürmen, die verarbeitet (und vor allem verstanden) werden wollen, ist Visualisierung oft der einzige Weg, aus Daten Informationen zu machen.

Kleiner Einschub: Daten und Informationen sind nicht dasselbe. Das Münchner Telefonbuch sind erstmal nur Daten. Die Liste der plastischen Chirurgen sowie der Juweliere und der Edelboutiqen auf einen Stadtplan visualisiert, das sind Informationen.

Nachdem ich in der letzten Zeit über einige sehr interessante Dinge aus den verschiedensten Bereichen gestolpert bin, möchte ich Ihnen diese nicht vorenthalten. Als erstes eine aktuelle Visualisierung, die statt ellenlanger Texte mit Fachausdrücken sehr gekonnt die prinzipiellen Ursachen der Finanzkrise aufzeigt. Ich hab’ endlich verstanden, was mit dem Ausdruck CDO in der Finanzwelt bezeichnet wird (und wenn ich das auch nur zur Hälfte richtig verstanden habe, trägt es nicht dazu bei, meine Annahme über den durchschnittlichen IQ eines Investmentbankers zu revidieren). Falls jemand so etwas auf Deutsch hat, bitte melden. Danke an Jonathan Jarvis.


The Crisis of Credit Visualized from Jonathan Jarvis on Vimeo.

Wenden wir uns etwas optimistischerem zu. Wer auf TED.com noch nicht die Präsentation von Hans Rosling gesehen hat, sollte das jetzt tun (ich warte solange, kein Problem).

Die Website, auf der sich das Ganze interaktiv selbst ausprobieren lässt, ist www.gapminder.org – sehr empfehlenswert. Warum wird sowas nicht im Schulunterricht eingesetzt? Aber das ist ein anderer Post …

Ich fliege beruflich zwar nicht mehr so viel wie in früheren Positionen, aber es reicht, um morgens ohne Kaffee im Halbschlaf in MUC das richtige Gate zu finden. ;-) Gerade Flugdaten sind aber ein sehr gutes Beispiel, um den Sinn einer Visualisierung zu zeigen. So werden aus einer Halde von Daten Muster erkennbar, wie im folgenden Beispiel.

Der Link zum Video auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=1XBwjQsOEeg

Ein weiterer solcher Link ist http://www.youtube.com/watch?v=YJ4d2j6Kir8 oder http://www.youtube.com/watch?v=cQTAfIf_AOk Schön sind auch die Arbeiten von Aaron Koblin.

Das tollste Beispiel ist meiner Meinung nach eine Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die Echtzeitdarstellung des Verkehr rund um Zürich Kloten! Der Link dazu ist http://radar.zhaw.ch/radar.html und die Seite ist wirklich einen Blick wert. Wer also wissen will, ob die Kollegin schon gelandet ist oder wann der Papa auf den Heimweg startet, hier lässt sich das zeigen.

Wer sich für die verschiedenen Ansätze interessiert, die für die Visualisierung komplexer Netzwerke benutzt werden, der wird hier fündig. Als Softwaremensch kann ich natürlich nicht umhin, zumindest einen Link anzubieten, falls Sie sowas selbst erstellen wollen und sich jede Menge Arbeit sparen wollen: Processing. Wer etwas Java (oder eine Sprache in der Richtung) beherrscht, kommt hier schnell zu Ergebnissen. Den Datenhaufen zum Visualisieren müsse Sie sich allerdings selbst suchen.

Manchmal lassen sich Informationen aus Daten gewinnen, die überhaupt nicht danach aussehen. Ein schlauer Kopf bei Google ist auf die Idee gekommen, dass Leute, die an Grippe erkrankt sind, natürlich auch in Google nach Medikamenten und Behandlungen suchen. Also lassen sich diese Suchanfragen auswerten uns auf einer Karte der Vereinigten Staaten visualisieren – fertig ist Google Flu Trends! Und ja, damit lassen sich Vorhersagen machen, welche zwei Wochen schneller verfügbar sind, als die offiziellen CDC-Reports.

Oh, Mitternacht. Damit also genug für heute und ein Gruß an eine ehemalige Kollegin, die auf den Artikel zum Thema Schätzung, Aufwandsschätzung und andere Katastrophen, noch etwas warten muss. ;-)

Wie das Medium den Empfänger formt

2. Oktober 2008 Arminius 2 Kommentare

Ich war offline. Zwei Wochen, halb freiwillig, halb unfreiwillig. Jetzt bin ich zurück und diesen Artikel hier wollte ich schreiben, seit ich Nicholas Carr’s Essay „Is Google making us stupid?“ im Atlantic gelesen hatte. Jetzt hatte ich (dank Karpaltunnelreizung und grippalem Infekt) Zeit, über das Thema nachzudenken und zwar ganz „old-fashioned“ analog mit Papier und Stift.  Anstelle einer Einleitung eine kleine Reiseerinnerung: als ich Mitte der 90er das erste Mal in Jordanien war, habe ich eine Tour mit Kamelen im Wadi Rum gemacht, als bewusste Erfahrung der Langsamkeit und der neuen Eindrücke wegen. Abgesehen von der Tatsache, dass Kamele, um es zurückhaltend auszudrücken, an Mundgeruch leiden und sich das Kamel den Menschen aussucht und nicht umgekehrt, habe ich eine persönliche Erkenntnis gewonnen: um schnell zu werden, muss man lernen, langsam zu sein. Die zweite Erfahrung: das Transportmittel beeinflusst den Reisenden in seiner Wahrnehmung der Reise.

Was das mit „Macht Google dumm?“ zu tun hat? Auch diese Offline-Pause war eine Art Reise und eine Reflektion über die Art und Weise, wie das Medium den Empfänger beeinflusst (siehe auch Marshall McLuhan, „Understanding Media“). Die Art, was und vor allem wie wir lesen und Informationen aufnehmen, prägt unsere Denkweise. Die Plastizität unseres Verstandes ergibt natürlich bei langer Beschäftigung mit Online-Medien und dem Netz eine andere Art der Informationsverarbeitung.
Die von Nicholas Carr geschilderten Phänomene kenne ich aus eigener Erfahrung: Probleme mit längeren linearen Texten, ungeduldiges „Querlesen“, verringerte Ablenkungstoleranz und so weiter. Dies alles tritt sicher dann vermehrt auf, wenn die überwiegende Lektüre online stattfindet, ist aber nicht die alleinige Erklärung. Denn Informationsüberflutung ist meiner Meinung nach keine Sache des Mediums, sondern der persönlichen Arbeits- und Denkweise. Ich bin chronisch neugierig, von der Geschichte der punischen Kriege über das Ende der römischen Republik, Paläoanthropologie, Programmierung, Sprachen bis zu User Interface Design und Makrofotografie gibt es kaum ein Thema, das mich nicht interessiert. Was zur Folge hat, dass ich mir auch in der analogen Welt bereits Mittel und Wege suchen musste, ein „information overloading“ zu vermeiden. Die digitale Welt mit Google und dem Web machen es nur leichter, den „Füllstand“ eher zu erreichen.

Bereits Vanevar Bush hatte 1945 in „As we may think“ das Problem erkannt, dann aber (auf hohem Niveau und sehr weitsichtig) an der eigentlichen Problemlösung vorbei argumentiert. Die Informationslawine begann schließlich bereits weit vor dem Internet zu rollen und die „Medienproliferation“ mit ihrer rasenden Verbreiterung und Beschleunigung des Angebots ist eine Tatsache. Mendels Theorien zur Vererbung lagen jahrzehntelang unbeachtet im Vorgarten der wissenschaftlichen Gemeinde, da die Schriften die Handvoll Leute, die diese verstehen und weiter entwickeln konnten, nicht erreichte. Heute wären neue Erkenntnisse wie nie zuvor tatsächliche einem Großteil der Menschheit eine Minute nach Publikation verfügbar. Diesen ungeheuren Ozean von Daten kann ein Einzelner nicht mehr bewältigen; ein Grund dafür, warum es echte Universalgelehrte wie einen Leonardo heute nicht mehr geben kann.  Den Teil des Datenozeans, den wir mit Hypertext, Links, Suchmaschinen, Abstracts und Querlesen als geistiger Flotille befahren, der wird relativ gesehen immer kleiner. Das dies Auswirkungen auf die (immer seltener werdende) Arbeit mit der „Tinte-auf-toten-Bäumen“ Version (Bücher, Zeitschriften) hat, ist völlig klar. Auch ich spüre dies. Ein Buch wirklich konzentriert zu lesen und zwar im Sinne von aufnehmen und verarbeiten, eigene Gedanken zum Text entwickeln, ist eine echte Aufgabe. Wie Carr schreibt: „Ich war ein Taucher im Ozean der Wort, jetzt flitze ich wie ein Typ auf einem Jetski über die Oberfläche“. Wie Marshall McLuhan schon schrieb, „das Medium formt den Empfänger“.

Wie lässt sich gegensteuern? Garantiert nicht dadurch, dass man wie Scott Karp das Lesen von Büchern komplett einstellt. Nein, das bewusste Gegensteuern ist angesagt. Offline-Tätigkeiten, das Entwickeln von Gedankengängen mit Papier und Stift, das Arbeiten mit Büchern und das genussvolle Lesen sind nur ein Teil der Lösung. Der Geist muss auch die Möglichkeit bekommen, zu verarbeiten. Wie weiter oben beschrieben, ist der Begriff Informationsüberflutung eigentlich Unsinn, denn was wir erleiden, ist eine Überflutung mit Daten, nicht mit Informationen. Informationen sind Daten mit Bedeutung, reflektierte, assoziierte und gefilterte Daten. Das Einrichten von „Denkschutzgebieten“, wie der Spiegel in seiner Titelgeschichte zu Carr’s Essay schreibt gehört ebenso dazu wie ein Datenentzug von Zeit zu Zeit (warum wohl heisst mein Blog Informationsdiät?). Langeweile ist nichts Negatives, erst aus der Langeweile und dem „Herumkauen“ auf Gedanken entwickeln auch Kinder im Spiel kreative Ideen. Die soziale und wirtschaftliche Beschleunigung (deren Auswirkungen sich gerade im Finanzbereich zeigen) mit ihrem Götzendienst am angeblich produktiven „Multitasking“ ist einer der Gründe, warum dieser wichtigen „geistigen Verdauung“ weniger und weniger Raum und Zeit gegeben wird.

Ein anderer Aspekt ist die Tatsache, dass wir alle Teilnehmer in einem großen Experiment, einem Paradigmenwechsel des Lesens sind. Möglicherweise sind wir im Umgang mit einer „Alles-und-jederzeit-Maschine“ im Bereich der Daten einfach noch zu ungeübt. Ich stimme mit Carr überein, dass es immer die Kassandrarufe beim Erscheinen neue Medien gegeben hat, wahrscheinlich schon lange vor Platos „Phaedrus“. Nur der Umfang der Verschiebungen und die zeitliche Latenz ändern sich drastisch mit jeder neuen Stufe. Von der ersten Schrift bis zur Druckerpresse dauerte es nahezu fünf Jahrtausende! Die „alten“ Medien (z.B. Printmdedien) folgen dem Sog, mitgerissen im Wandel der Konsumentenwünsche und der ökonomischen Zwänge, taumelnd in ihrer Neudefinition und teilweise publizistischen Selbstmord begehend aus Angst vor dem Tod. Wie viele Zeitschriften kenne ich, bei denen ich am Ende der Zusammenfassung feststelle, das dies der Artikel war! Da kann ich gleich online bleiben. Ich habe mal gelesen, dass ein Computer eine Art „Fahrrad für das Gehirn“ sei, ein sehr wirksames Mittel, die geistige Fortbewegung zu erleichtern. Ist der unreflektierte Zugang zur Datenwelt dann ein aufgebohrtes Motorrad, auf dem wir, ohne Führerschein und ohne Helm, krampfhaft den Gasgriff drehen, nur um irgendwo hin zu kommen? Das Wissen der Welt, ohne das Wissen um die Welt?

Ich denke nicht. Nicht jeder mag ein Valentino Rossi der Handhabung moderner Informationswerkzeuge sein, aber für den Mofaführerschein und das Wissen, wann man besser zu Fuß geht, sollte es für jeden reichen. Wichtig ist das Arbeiten können, das Lernen der Werkzeuge. Ein Beispiel für notwendige Lernprozesse ist die freiwillige Beschränkung bei der Nutzung angebotener Information. Nehmen wir einen ureigenen Aspekt des World Wide Web: Hypertext. Ein Hyperlink ist etwas völlig anderes als das digitale Äquivalent einer Fussnote! Der Ratschlag hier lautet: „don’t follow the link“. Eine Fußnote kann ich nicht anklicken, sie dient als Hinweis, wo, später, nach dem Lesen und Verstehen des eigentlichen Textes weitere Informationen zu finden sind. Ein Hyperlink ist die Drohung mit dem Feuerwehrschlauch hinter dem Wasserhahn. Die Ablenkung durch sofort verfügbare, nicht unbedingt gesuchte Informationen hat etwas Unwiderstehliches für viele Leute. Wer hat nicht „nur mal schnell ein paar Links verfolgt“, dann nach zwei Stunden festgestellt, dass man an einer vollständig anderen Stelle gelandet ist, die Arbeit nicht erledigt ist.  Arbeiten mit Hypertext erfordert deutlich mehr Selbstdisziplin als das Lesen eines alten Buches mit Fußnoten.

Gerade legitimierende Links (das klassische Autoritäts-Zitat) werden zunehmend konsumiert, nicht mehr reflektiert. Die Information und damit die Deutung werden angeboten, man muss nicht mehr selbst arbeiten, die Reduktion eines komplexen Gedankengangs auf zwei oder drei Suchwörter und die ersten Treffer der Suchmaschine sind gang und gäbe. Aber nichts ist wahr, nur weil es bei einer Google-Anfrage an erster Stelle der Trefferliste steht. Was verloren geht, ist das kritische Betrachten der Quellen, die „Informationsgewinnung“ (wie Goldgewinnung hat das etwas mit jeder Menge Abraum und wenigen Nuggets zu tun). Wenn sich Schüler argumentativ hinter einer Powerpoint-Präsentation und ein paar URLs verstecken, dann haben wir wirklich bei der Bildung unserer Kinder versagt.   Ein „online bashing“ bringt an dieser Stelle allerdings gar nichts, denn „das Internet“ existiert sowieso nicht. Hochenergiephysiker nutzen das Internet völlig anders als Biologen oder jugendliche Videogucker. Die Gefahr der Verallgemeinerung rührt aus den 20 oder 30 Zoll gemeinsamer Bildschirmfläche, über die der gesamte Zugang erfolgt, während früher die Mediennutzung deutlich machte, welches Medium mit welchem Anspruch man in der Hand hatte. Meiner Meinung nach ist der menschliche Geist zu groß für 20 oder 30 Zoll.  Das „Netz“  ist ein reiner Träger für die (Nutz)last all der assimilierten Medien, die vorher Schallplatte, Buch, Zeitschrift, Foto, Tonband und Gemälde waren. Auch der rein analoge Zugriff auf „alte“ Medien schließt nicht aus, dass die Zeit für die Beschäftigung mit all den interessanten Dingen nicht ausreicht, dass kenne ich, seit ich Teenager war. Auch in diesen zwei Wochen offline habe ich jetzt vier neue Bücher, die gelesen werden wollen.

Während meiner Schulzeit hat mir ein Lehrer die Geschichte einer Afrikaexpedition erzählt, deren Träger trotz leichtem Gelände nach drei Tage einen Tag Pause einlegten und durch nichts zum Weiterlaufen zu bewegen waren. Auf die Frage des weißen Forschers, warum denn keiner mehr weiter marschieren wolle, erwiderten die Träger: „Herr, wir sind so schnell gegangen, nun müssen uns unsere Seelen wieder einholen“. Ein schönes Bild, das im krassen Gegensatz zu informationellem Junkfood, Wochenendtrips in die Karibik und dem Abarbeiten hochkomplexer Problemfelder mit Aufzählungslisten auf Powerpoint-Folien steht. Worüber man schmunzeln könnte, wären die Auswirkungen nicht so katastrophal. Denn die Urteilskraft steigt erst mit eigener Erfahrung und eigenem Wissen. Dazu muss dieses Wissen aber vorhanden sein und nicht als „externes Backup“ einer Suchmaschine überantwortet werden. Ich kann nur etwas in Frage stellen, mit dem ich mich beschäftigt habe und dies dauert seine Zeit. Die durch die digitalen Medien und die gesellschaftliche Beschleunigung eingeforderte Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne und das schleichende Ausbilden geistiger „Fahrrinnen“ sind meiner Meinung nach problematische Folgen dieser Entwicklung. Wie Richard Foreman fürchte auch ich die zukünftigen Pfannkuchenmenschen mit einer breiten, dünnen Schicht Bildung und einem geradezu hörigen Glauben an die Qualität der Daten aus den Tiefen des Netzes und der Suchmaschinen. Aber das Bilden einer eigenen „Kathedrale“ aus Wissen mit dem entsprechenden Fundament ist nicht leicht und schon Henry Ford meinte: „Denken ist eine der schwersten Tätigkeiten, die es gibt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich so wenig Leute damit beschäftigen“. Dem sollten wir entgegen wirken.

Hamlet, 1, 4 – Marcellus …

26. August 2008 Arminius Kommentare ausgeschaltet

Something is rotten in the state of Denmark.

Ich hätte den Post auch mit “Though this be madness, yet there is method in it” beginnen können. Warum? Ich vermisse bei der ganzen, mehr oder weniger intelligent geführten Diskussion um die “nomadisierenden Kundendaten” (als wären Adress- und Datenhändler eine Erfindung der letzten drei Monate) einen Aspekt, der mir persönlich wichtig erscheint: die Rolle der Bildung in dieser ganzen Geschichte. Das gewisse Kreise in unserer Gesellschaft gar kein Interesse an einem mündigen, informierten Bürger haben, steht ausser Frage. Bleibt also nur die ja auch von der Politik oft beschworene Eigeninitiative im Bereich lebenslanges Lernen. Obwohl langsam eine Diskussion über notwendige Konsequenzen aus den letzten Ereignissen einsetzt, sind auch in der Blogosphäre kaum Kommentare über die Rolle der Erziehung und Medienkompetenz zur Vermeidung von ungebremster Datensammelei. Sicher, es wird immer eine Menge von Leuten geben, denen man mit der Versprechung von Geld, Autos, Sex oder Geld und Sex in Autos ;-) alle möglichen Daten aus der Nase ziehen kann. Dennoch findet das Thema “Identitätsmanagement” viel zu wenig statt, schon gar nicht in den meisten Schulen, in denen ein kleiner Prozentsatz enthusiastischer Pädagogen gegen die träge Mehrheit ankämpft. Woher will man die Problematik auch kennen, wenn “Online-Shopping” das Bestellen eines Kataloges nach einem Werbespot im TV bedeutet? Der erstgenannte Prozentsatz wird dann durch Lehrpläne ausgebremst, die Medienkompetenz und sicheren Umgang mit Zukunftstechnologien mit dem Beherrschen des marktführenden Office-Softwarepakets gleichsetzen. Umso mehr gilt mein Respekt dem Häufchen der unbeirrten Engagierten, die einem (nicht nur in Fächern wie IT) noch Jahrzehnte nach der Schule im Gedächtnis bleiben. Nur als Disclaimer, bevor sich jemand unnötig aufregen muss: ich weiß, wovon ich schreibe, meine erste Fortbildungsveranstaltung für Lehrer habe ich 1985 gehalten.

Umso mehr liegt die Verantwortung bei uns allen. Bei den Digerati ebenso wie bei den Eltern, Erziehern und all jenen, denen etwas an unserer Bildung liegt. Wer keine Ahnung hat, was man mit Software und personenbezogenen Daten anstellen kann, macht sich auch keine Sorgen. Eine Verteufelung der Onlinegesellschaft und des elektronischen Handels erinnert stark an die bilderstürmerischen Tendenzen zu Beginn der Schrift, des Buchdrucks, des Radios, des Fernsehens — Sie wissen, was ich meine …

Die digitale Kultur erfordert neues Wissen, neue Techniken und Fertigkeiten und die sollten vermittelt werden. Was auf den Lehrplan in Schulen gehört, ist weniger “Wolken-IT”, sondern ein grundlegendes Handwerkszeug, ein digitales Überlebenspaket für das 21. Jahrhundert. Der Umgang mit der eigenen Identität und den eigenen Daten muss gelernt sein. Insofern finde ich den radikalen Ansatz, den Handel mit personenbezogenen oder Adressdaten komplett zu verbieten und dies nur durch die jeweiligen Menschen zugestatten, zwar interessant und ehrenwert, aber im Ergebnis als nicht zielführend. Denn wie oben bereits beschrieben würde das Karl Couchkartoffel auch nicht davon abhalten, für einen vermeintlichen Vorteil sein Einverständnis zu geben.

Daher bleibt als Erkenntnis neben dem “datentechnischen Teilrückzug”, den in Art und Umfang jeder für sich selbst ausmachen muss, nur die bestmögliche Wissensverbreitung um die Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der modernen Welt. Auch wenn sich gerade wieder ein bayerischer Politiker damit gebrüstet hat, dass bayerische Schüler im Lesen, Schreiben und Rechnen an der Spitze stehen (nebenbei, wieso er und nicht die Schüler, die diese Leistungen erbringen?), das, meine Herren Politiker, reicht nicht aus. In einer Zeit, in der die letzte Mondlandung fast 40 Jahre her ist und der LHC fertig ist, sind Kulturtechniken aus den vergangenen Jahrhunderten etwas wenig …