Ich war offline. Zwei Wochen, halb freiwillig, halb unfreiwillig. Jetzt bin ich zurück und diesen Artikel hier wollte ich schreiben, seit ich Nicholas Carr’s Essay „Is Google making us stupid?“ im Atlantic gelesen hatte. Jetzt hatte ich (dank Karpaltunnelreizung und grippalem Infekt) Zeit, über das Thema nachzudenken und zwar ganz „old-fashioned“ analog mit Papier und Stift. Anstelle einer Einleitung eine kleine Reiseerinnerung: als ich Mitte der 90er das erste Mal in Jordanien war, habe ich eine Tour mit Kamelen im Wadi Rum gemacht, als bewusste Erfahrung der Langsamkeit und der neuen Eindrücke wegen. Abgesehen von der Tatsache, dass Kamele, um es zurückhaltend auszudrücken, an Mundgeruch leiden und sich das Kamel den Menschen aussucht und nicht umgekehrt, habe ich eine persönliche Erkenntnis gewonnen: um schnell zu werden, muss man lernen, langsam zu sein. Die zweite Erfahrung: das Transportmittel beeinflusst den Reisenden in seiner Wahrnehmung der Reise.
Was das mit „Macht Google dumm?“ zu tun hat? Auch diese Offline-Pause war eine Art Reise und eine Reflektion über die Art und Weise, wie das Medium den Empfänger beeinflusst (siehe auch Marshall McLuhan, „Understanding Media“). Die Art, was und vor allem wie wir lesen und Informationen aufnehmen, prägt unsere Denkweise. Die Plastizität unseres Verstandes ergibt natürlich bei langer Beschäftigung mit Online-Medien und dem Netz eine andere Art der Informationsverarbeitung.
Die von Nicholas Carr geschilderten Phänomene kenne ich aus eigener Erfahrung: Probleme mit längeren linearen Texten, ungeduldiges „Querlesen“, verringerte Ablenkungstoleranz und so weiter. Dies alles tritt sicher dann vermehrt auf, wenn die überwiegende Lektüre online stattfindet, ist aber nicht die alleinige Erklärung. Denn Informationsüberflutung ist meiner Meinung nach keine Sache des Mediums, sondern der persönlichen Arbeits- und Denkweise. Ich bin chronisch neugierig, von der Geschichte der punischen Kriege über das Ende der römischen Republik, Paläoanthropologie, Programmierung, Sprachen bis zu User Interface Design und Makrofotografie gibt es kaum ein Thema, das mich nicht interessiert. Was zur Folge hat, dass ich mir auch in der analogen Welt bereits Mittel und Wege suchen musste, ein „information overloading“ zu vermeiden. Die digitale Welt mit Google und dem Web machen es nur leichter, den „Füllstand“ eher zu erreichen.
Bereits Vanevar Bush hatte 1945 in „As we may think“ das Problem erkannt, dann aber (auf hohem Niveau und sehr weitsichtig) an der eigentlichen Problemlösung vorbei argumentiert. Die Informationslawine begann schließlich bereits weit vor dem Internet zu rollen und die „Medienproliferation“ mit ihrer rasenden Verbreiterung und Beschleunigung des Angebots ist eine Tatsache. Mendels Theorien zur Vererbung lagen jahrzehntelang unbeachtet im Vorgarten der wissenschaftlichen Gemeinde, da die Schriften die Handvoll Leute, die diese verstehen und weiter entwickeln konnten, nicht erreichte. Heute wären neue Erkenntnisse wie nie zuvor tatsächliche einem Großteil der Menschheit eine Minute nach Publikation verfügbar. Diesen ungeheuren Ozean von Daten kann ein Einzelner nicht mehr bewältigen; ein Grund dafür, warum es echte Universalgelehrte wie einen Leonardo heute nicht mehr geben kann. Den Teil des Datenozeans, den wir mit Hypertext, Links, Suchmaschinen, Abstracts und Querlesen als geistiger Flotille befahren, der wird relativ gesehen immer kleiner. Das dies Auswirkungen auf die (immer seltener werdende) Arbeit mit der „Tinte-auf-toten-Bäumen“ Version (Bücher, Zeitschriften) hat, ist völlig klar. Auch ich spüre dies. Ein Buch wirklich konzentriert zu lesen und zwar im Sinne von aufnehmen und verarbeiten, eigene Gedanken zum Text entwickeln, ist eine echte Aufgabe. Wie Carr schreibt: „Ich war ein Taucher im Ozean der Wort, jetzt flitze ich wie ein Typ auf einem Jetski über die Oberfläche“. Wie Marshall McLuhan schon schrieb, „das Medium formt den Empfänger“.
Wie lässt sich gegensteuern? Garantiert nicht dadurch, dass man wie Scott Karp das Lesen von Büchern komplett einstellt. Nein, das bewusste Gegensteuern ist angesagt. Offline-Tätigkeiten, das Entwickeln von Gedankengängen mit Papier und Stift, das Arbeiten mit Büchern und das genussvolle Lesen sind nur ein Teil der Lösung. Der Geist muss auch die Möglichkeit bekommen, zu verarbeiten. Wie weiter oben beschrieben, ist der Begriff Informationsüberflutung eigentlich Unsinn, denn was wir erleiden, ist eine Überflutung mit Daten, nicht mit Informationen. Informationen sind Daten mit Bedeutung, reflektierte, assoziierte und gefilterte Daten. Das Einrichten von „Denkschutzgebieten“, wie der Spiegel in seiner Titelgeschichte zu Carr’s Essay schreibt gehört ebenso dazu wie ein Datenentzug von Zeit zu Zeit (warum wohl heisst mein Blog Informationsdiät?). Langeweile ist nichts Negatives, erst aus der Langeweile und dem „Herumkauen“ auf Gedanken entwickeln auch Kinder im Spiel kreative Ideen. Die soziale und wirtschaftliche Beschleunigung (deren Auswirkungen sich gerade im Finanzbereich zeigen) mit ihrem Götzendienst am angeblich produktiven „Multitasking“ ist einer der Gründe, warum dieser wichtigen „geistigen Verdauung“ weniger und weniger Raum und Zeit gegeben wird.
Ein anderer Aspekt ist die Tatsache, dass wir alle Teilnehmer in einem großen Experiment, einem Paradigmenwechsel des Lesens sind. Möglicherweise sind wir im Umgang mit einer „Alles-und-jederzeit-Maschine“ im Bereich der Daten einfach noch zu ungeübt. Ich stimme mit Carr überein, dass es immer die Kassandrarufe beim Erscheinen neue Medien gegeben hat, wahrscheinlich schon lange vor Platos „Phaedrus“. Nur der Umfang der Verschiebungen und die zeitliche Latenz ändern sich drastisch mit jeder neuen Stufe. Von der ersten Schrift bis zur Druckerpresse dauerte es nahezu fünf Jahrtausende! Die „alten“ Medien (z.B. Printmdedien) folgen dem Sog, mitgerissen im Wandel der Konsumentenwünsche und der ökonomischen Zwänge, taumelnd in ihrer Neudefinition und teilweise publizistischen Selbstmord begehend aus Angst vor dem Tod. Wie viele Zeitschriften kenne ich, bei denen ich am Ende der Zusammenfassung feststelle, das dies der Artikel war! Da kann ich gleich online bleiben. Ich habe mal gelesen, dass ein Computer eine Art „Fahrrad für das Gehirn“ sei, ein sehr wirksames Mittel, die geistige Fortbewegung zu erleichtern. Ist der unreflektierte Zugang zur Datenwelt dann ein aufgebohrtes Motorrad, auf dem wir, ohne Führerschein und ohne Helm, krampfhaft den Gasgriff drehen, nur um irgendwo hin zu kommen? Das Wissen der Welt, ohne das Wissen um die Welt?
Ich denke nicht. Nicht jeder mag ein Valentino Rossi der Handhabung moderner Informationswerkzeuge sein, aber für den Mofaführerschein und das Wissen, wann man besser zu Fuß geht, sollte es für jeden reichen. Wichtig ist das Arbeiten können, das Lernen der Werkzeuge. Ein Beispiel für notwendige Lernprozesse ist die freiwillige Beschränkung bei der Nutzung angebotener Information. Nehmen wir einen ureigenen Aspekt des World Wide Web: Hypertext. Ein Hyperlink ist etwas völlig anderes als das digitale Äquivalent einer Fussnote! Der Ratschlag hier lautet: „don’t follow the link“. Eine Fußnote kann ich nicht anklicken, sie dient als Hinweis, wo, später, nach dem Lesen und Verstehen des eigentlichen Textes weitere Informationen zu finden sind. Ein Hyperlink ist die Drohung mit dem Feuerwehrschlauch hinter dem Wasserhahn. Die Ablenkung durch sofort verfügbare, nicht unbedingt gesuchte Informationen hat etwas Unwiderstehliches für viele Leute. Wer hat nicht „nur mal schnell ein paar Links verfolgt“, dann nach zwei Stunden festgestellt, dass man an einer vollständig anderen Stelle gelandet ist, die Arbeit nicht erledigt ist. Arbeiten mit Hypertext erfordert deutlich mehr Selbstdisziplin als das Lesen eines alten Buches mit Fußnoten.
Gerade legitimierende Links (das klassische Autoritäts-Zitat) werden zunehmend konsumiert, nicht mehr reflektiert. Die Information und damit die Deutung werden angeboten, man muss nicht mehr selbst arbeiten, die Reduktion eines komplexen Gedankengangs auf zwei oder drei Suchwörter und die ersten Treffer der Suchmaschine sind gang und gäbe. Aber nichts ist wahr, nur weil es bei einer Google-Anfrage an erster Stelle der Trefferliste steht. Was verloren geht, ist das kritische Betrachten der Quellen, die „Informationsgewinnung“ (wie Goldgewinnung hat das etwas mit jeder Menge Abraum und wenigen Nuggets zu tun). Wenn sich Schüler argumentativ hinter einer Powerpoint-Präsentation und ein paar URLs verstecken, dann haben wir wirklich bei der Bildung unserer Kinder versagt. Ein „online bashing“ bringt an dieser Stelle allerdings gar nichts, denn „das Internet“ existiert sowieso nicht. Hochenergiephysiker nutzen das Internet völlig anders als Biologen oder jugendliche Videogucker. Die Gefahr der Verallgemeinerung rührt aus den 20 oder 30 Zoll gemeinsamer Bildschirmfläche, über die der gesamte Zugang erfolgt, während früher die Mediennutzung deutlich machte, welches Medium mit welchem Anspruch man in der Hand hatte. Meiner Meinung nach ist der menschliche Geist zu groß für 20 oder 30 Zoll. Das „Netz“ ist ein reiner Träger für die (Nutz)last all der assimilierten Medien, die vorher Schallplatte, Buch, Zeitschrift, Foto, Tonband und Gemälde waren. Auch der rein analoge Zugriff auf „alte“ Medien schließt nicht aus, dass die Zeit für die Beschäftigung mit all den interessanten Dingen nicht ausreicht, dass kenne ich, seit ich Teenager war. Auch in diesen zwei Wochen offline habe ich jetzt vier neue Bücher, die gelesen werden wollen.
Während meiner Schulzeit hat mir ein Lehrer die Geschichte einer Afrikaexpedition erzählt, deren Träger trotz leichtem Gelände nach drei Tage einen Tag Pause einlegten und durch nichts zum Weiterlaufen zu bewegen waren. Auf die Frage des weißen Forschers, warum denn keiner mehr weiter marschieren wolle, erwiderten die Träger: „Herr, wir sind so schnell gegangen, nun müssen uns unsere Seelen wieder einholen“. Ein schönes Bild, das im krassen Gegensatz zu informationellem Junkfood, Wochenendtrips in die Karibik und dem Abarbeiten hochkomplexer Problemfelder mit Aufzählungslisten auf Powerpoint-Folien steht. Worüber man schmunzeln könnte, wären die Auswirkungen nicht so katastrophal. Denn die Urteilskraft steigt erst mit eigener Erfahrung und eigenem Wissen. Dazu muss dieses Wissen aber vorhanden sein und nicht als „externes Backup“ einer Suchmaschine überantwortet werden. Ich kann nur etwas in Frage stellen, mit dem ich mich beschäftigt habe und dies dauert seine Zeit. Die durch die digitalen Medien und die gesellschaftliche Beschleunigung eingeforderte Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne und das schleichende Ausbilden geistiger „Fahrrinnen“ sind meiner Meinung nach problematische Folgen dieser Entwicklung. Wie Richard Foreman fürchte auch ich die zukünftigen Pfannkuchenmenschen mit einer breiten, dünnen Schicht Bildung und einem geradezu hörigen Glauben an die Qualität der Daten aus den Tiefen des Netzes und der Suchmaschinen. Aber das Bilden einer eigenen „Kathedrale“ aus Wissen mit dem entsprechenden Fundament ist nicht leicht und schon Henry Ford meinte: „Denken ist eine der schwersten Tätigkeiten, die es gibt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich so wenig Leute damit beschäftigen“. Dem sollten wir entgegen wirken.
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