Zahlworte: Einundzwanzig oder Zwanzigeins?
Jetzt, wo meine Tochter mit etwas über vier Jahren bei Ihren Ausflügen ins Zahlenland auch mal die Tiefebene der einstelligen Zahlen verlässt und das zweistellige Waldland erkundet, wird mir bewusst, dass unsere Zahlwörter (Numeralia) nicht unbedingt logisch zu nennen sind.

Wir Deutschen sind da nicht allein, auch andere europäische Sprachen haben da den einen oder anderen glitch in der Logik. Als wir uns in der Schule für Latein oder Französisch entscheiden konnten, war jeweils eine Stunde “Probehören” dabei. Als ich dann das erste Mal quatre-vingt-dix-neuf (franz. 99, wörtlich vier zwanzig zehn neun) hörte, dachte ich mir “Naja, Mathe habe ich schon und ich wollte eigentlich eine Sprache lernen, also nehmen wir Latein” ;-) Aber zurück zum Thema …
So steht Deutsch mit der Invertierung von Zahlen zwischen 21 und 99 relativ allein. Logisch ist “fünfundvierzig” eigentlich nicht, vollends krumm wird es bei Zahlen wie 23456, bei denen die Ziffern in der Reihenfolge 2.1.3.6.5 gesprochen werden. Da haben es Italiener mit “quarantacinque” oder Engländer mit “forty-five” auf den ersten Blick leichter. Daraus nun aus Gründen des Erfolgs in einer zunehmend beschleunigten Welt wie der Verein Zwanzig-Eins nun gleich eine von oben verordnete Reform der Sprache zu fordern (hatten wir da nicht erst eine gloriose Bauchlandung), ist meiner Meinung nach etwas übertrieben, obwohl die Argumente für konsistente Zahlwörter durchaus sinnvoll sind. Es sollte aber auch der kulturelle und sprachhistorische Kontext beachtet werden. So sind auch im Englischen und Italienischen die “kleinen” Zahlen (meistens bis zwischen 15 und 20) ebenfalls invertiert (erst ab 17 invertiert das Italienische nicht mehr). Über das Französische habe ich ja bereits weiter oben gelästert (was mir mit einem Wortschatz von einem Dutzend Worten eigentlich gar nicht zusteht). Diese kleinen Zahlen bilden aber den überwiegenden Teil der täglichen Sprachwelt (es sei denn, Sie sind Investmentbanker, dann können Sie sich nach der Finanzkrise sowieso ohne Nachfragen auf Dyskalkulie heraus reden).
Unsere “arabischen” Ziffern (welche arabische Gelehrte dankenswerweise aus Indien zu uns exportiert haben) werden im Arabischen von rechts nach links geschrieben, hier ist ein “chamsa-arbain” (fünf-vierzig) also völlig normal, allerdings folgen da die Stellenwerte auch konsistent aufsteigend der Schreibrichtung. Aus solchen kulturellen Unterschieden, die Mutterprachler in den allermeisten Fällen völlig unbewusst korrekt verwenden nun gleich auf eine signifikante Benachteiligung von Kindern beim Lernen zu schließen, wie es Prof. Gerritzen tut, heißt meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus zu schießen. Immerhin lassen sich mit solchen Thesen Religionskriege entfachen, gegen die die Auseinandersetzungen wie “Windows gegen Linux” oder die Platzierung von geschweiften Klammern bei C++ wie ein Kindergeburtstag aussehen ;-)
Offenbar hat der Mensch an sich etwas gegen Veränderungen dieser Art. Was viel wichtiger ist und bei dieser ganzen Geschichte übersehen wird, ist die Tatsache, dass Kindern ein Verständnis und ein Gefühl für Zahlen vermittelt werden sollte, welches ihnen erlaubt, “zweiundvierzig” zu sagen, aber 4 x 10 + 2 zu denken. Die Kenntnis mehr als eines Stellenwertsystems (ja, ich weiß, als IT’ler muss jetzt die Basis 16 kommen) bringt hier die Erkenntnis, dass Zahlen und Ziffern Symbole sind und 49 nicht immer 4 x 10 + 9 bedeuten muss. Dazu ein Gespür für Mengen und Größen (wer kann auf Anhieb verdeutlichen, wie viel ein Gigabyte Text ist, was bedeutet 34 Milliarden?) und für verschiedene Bezeichnungen (million, billion, milliard, Milliarde), so etwas wäre sinnvoll.
Der Schlüssel hierzu liegt — und da wäre anzusetzen, bevor versucht wird, Sprache zu verbiegen — in engagierten jungen Pädagogen mit didaktischem Talent, die es verstehen, Begeisterung zu wecken für Zahlen und Mathematik. Darüber würde ich gerne lesen, wie Universitäten versuchen, sich hierin zu übertreffen. Denn wie ein altes Sprichwort sagt: “Kinder sind keine Fässer, die gefüllt werden, sondern Feuer, die entfacht werden wollen”.
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