Veni, Vidi, iPad
Jetzt ist es also raus. Steve Jobs hat bei seinem Auftritt nicht die Version 2.0 der Zehn Gebote veröffentlicht, die Nahostkrise ist nicht gelöst und über die Kompetenz vieler Bankenvorstände muss man sich nach wie vor Sorgen machen. Wie Martin Peers vom Wall Street Journal unlängst so richtig erkannte ”Das letzte Mal, als eine Tafel so viel Aufsehen erregt hat, standen Gebote darauf”. Aber lassen wir den Sarkasmus mal einen Post lang beiseite, denn meiner Meinung war die Produktvorstellung des iPad aus mehreren Gründen wichtig.
Einer dieser Gründe ist ein psychologischer. Mit wurde anhand vieler Reaktion im Web in den ersten Stunden wieder bewusst, wie tief die Kluft zwischen den Nerds und den Anwendern immer noch ist. Es ist nach wie vor ein Problem unserer Branche, dass die Orientierung an den Bedürfnissen der Anwender in der Theorie zwar oft beschworen, in der Praxis aber schnell wieder vergessen wird. Sehen wir uns dazu mal einige der Einwände beziehungsweise Kritikpunkte an: “Kein austauschbarer Akku, kein OLED, keine Kamera(s), kein GPS, keine großartigen Zubehörmöglichkeiten, kein offenes Betriebssystem und noch ein paar andere”.
Was dabei vergessen wird, ist die angepeilte Zielgruppe des Geräts und die Aufteilung in Konsumenten und Produzenten. Auch im vielgelobten Web 2.0 sind mehr als 90% der Leute Konsumenten. Ganz gleich, ob man die Verteilung zwischen Konsumenten und Autoren bei Wikipedia betrachtet oder bei YouTube (echte eigene Kreativität, nicht den hunderttausendsten Musikvideo), ob es aktive Blogs und Internetnutzer oder Fotografen und Bilder-Herunterlader sind. Wie jemand bei Twitter so nett und passend formuliert hat, ist das iPad die Erlösung für alle Couchsurfer. Konsumenten und Anwender wollen keine Akkus wechseln oder Systeme patchen, keine Hacks installieren, sie wollen einfach ein Gerät mit der gewünschten Funktion, bei der die Technik gefälligst unsichtbar zu bleiben hat. Wer baut heute noch seine Röhrenverstärker selbst und experimentiert mit verschiedenen Lautsprecherboxen je nach Musiktyp? Richtig, ein minimaler Promillesatz alle Musikhörer. Genau deshalb besitzt das iPad auch keine Kamera. Bei einem überwiegenden Großteil der Nutzungsszenarios wären die Lichtverhältnisse viel zu schlecht. Wichtig ist dagegen eine intuitiv bedienbare Fotoverwaltung und genau die ist vorhanden. Das iPad ist ein “Consumer Device”, kein Gerät für Inhaltsproduzenten. Dafür möchte Apple ja noch einige Macs verkaufen.
Auch ein zweiter Aspekt ist interessant. Viele Stimmen vor der Vorstellung des Gerätes sprachen davon, dass ein iPad überflüssig ist, schließlich reicht ein iPhone neben dem Computer völlig aus. Auch ich bin mittlerweile bereits dabei, abends im Bett noch das eine oder andere TED-Video anzusehen. Genau dabei habe ich auch festgestellt, dass andere prominentere Blogger tatsächlich recht haben: das iPhone ist cool – wenn Du unter 40 bist. Das iPad ist die logische Weiterentwicklung des Konzepts für eine älter werden Nutzerschaft im Web. Ich möchte nicht jammern, aber die beginnende Altersweitsicht, Fokussierungsverzögerungen und andere Mätzchen nerven auf einem so kleinen Gerät wie dem iPhone oder iPod touch. Irgendjemand hatte vor Monaten mal in einer Zeitschrift geschrieben: “was fehlt, ist ein iPhone für die alternde Babybommer-Generation”. Bitteschön, hier ist es. Vielleicht ist das nebenbei auch der Grund, warum sich die Produktbezeichnung nicht groß vom iPod unterscheidet. Oder Steve Jobs ist ganz einfach von den eigenen Anforderungen ausgegangen. Der Mann wird ja auch nicht jünger. ;-)
Der dritte Aspekt ist etwas, das mich am Kindle von Amazon trotz der genialen Bildschirmqualität immer gestört hat: das iPad besitzt einen Farbbildschirm. Jetzt ist eine Hardwareplattform vorhanden, um moderne Konzepte für Zeitschriften zu verwirklichen. Die Kooperationen mit der Print-Industrie sind ein gewichtigere Pfeiler im Konzept des iPad und die Verwendung des ePUB-Formats ein entsprechender Tritt ans Schienbein von Amazon. Ich persönlich hätte jetzt das Gerät, um mein SPIEGEL- und Scientific American-Abo auf eine elektronische Form umzustellen. Diese Ausrichtung als Medienkonsumenten-Gerät war möglicherweise auch einer Gründe für die durchaus aggressiv zu nennende Preisgestaltung (immerhin hat Apple die Prophezeihungen der Branchenexporten für den Preis glatt halbiert). Ich denke auch nicht, dass das Statement von Mr. Jobs über die “500$-Tabletts” vor einiger Zeit einfach so dahin gesagt wurde. Da wurde eine untere Grenze weit vor der Präsentation angekündigt.
Der letzte Aspekt (zumindest für diesen Artikel) ist ein Wandel, der bereits vor Jahren begonnen hat. War der PC ein Gerät, bei dem anwendungsorientiert gearbeitet wurde (”ich öffne X, speichere das dann und lade es in Y und dann wird da in Z zusammen mit einer anderen Datei das Ergebnis draus”), so ist die heutige Arbeitsweise nicht mehr an Programmen oder Dateien orientiert, sondern an Aufgaben / Tätigkeiten und dem “Web”. Mittlerweile ist mehr oder weniger alles im Netz, Texte, Bilder, Töne, Termine, Filme und das öffentliche (und manchmal auch das private) Wissen der Menschheit. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen den Medien und das mobile Gerät der Zukunft muss diesem Umstand Rechnung tragen und ebenso mobil sein wie die Daten. Nicholas Carr hat dies bereits erkannt und analysiert. Wer mehr über den Unterschied zwischen Apple und Microsoft wissen möchte, sollte seinen Post lesen.
Bisher war noch keinem Tablet der große Durchbruch beschieden. Allerdings war auch iPhone keine Revolution der Hardware, sondern die Software und das Gesamtkonzept von Gerät, Bedienung und iTunes war es, dass alle anderen Anbieter kalt erwischte. Auch hier sollten wir IT-Insider uns, um den Bogen zum Anfang zu schlagen, mehr darauf besinnen, was die Anwender wirklich wollen. Die überwiegende Masse der Anwender. Steve Jobs kann das und er kann die entsprechenden Produkte dazu herstellen. Willkommen in der nächsten Runde des Kampfes!
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